Längere Laufzeiten: Am Ende strahlen alle

Hoffnungsträger und Irrweg: Die Umwandlung von Sonnenenergie in Strom treibt die Preise, spielt aber im Energiemix nur eine kleine Rolle. Außer Spesen? Ein Energiekonzept für die nächsten Jahrzehnte muss auch darauf Antworten finden.

Hoffnungsträger und Irrweg: Die Umwandlung von Sonnenenergie in Strom treibt die Preise, spielt aber im Energiemix nur eine kleine Rolle. Außer Spesen? Ein Energiekonzept für die nächsten Jahrzehnte muss auch darauf Antworten finden.

Im Vergleich zu den Verhandlungen über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke war der legendäre Streit der Kesselflicker ein kuscheliges Kaffeekränzchen. In der Kernfrage wird gespalten, Druck gemacht und manche Nebelkerze gezündet. Aber am Ende strahlen alle. Gestritten wird auch fürs Publikum – es soll ja nicht nach einem Deal hinter den Kulissen aussehen (den es aber geben wird). Und weil es sich lohnt zu streiten. Immerhin geht es um viele Milliarden Euro. Leider ist die Bundesregierung in einer schwachen Position. Sie ist erpressbar, weil es um dringend erforderliche Investitionen und Arbeitsplätze geht. Sie hat kein fertiges Energiekonzept, das Jahrzehnte trägt. Sie hat nicht mal eine einheitliche Meinung. Deshalb wird sie jetzt nicht nur von den Interessen einer mächtigen Lobby getrieben, sondern auch von Parteitaktik. Sachentscheidungen sehen anders aus.

Seien wir realistisch: Ohne Kernenergie kommen wir heute nicht klar und in der nahen Zukunft auch nicht. Was diese Kraftwerke leisten, ist nicht von heute auf morgen zu ersetzen durch Wind, Wasser und Sonne. Eher (zumindest vorübergehend) durch Kohle und Gas. Aber die hat auch keiner lieb, und der Finanzminister sät zusätzliche Unsicherheit durch Spekulationen über eine Sondersteuer auf Kohlestrom (was ruckzuck wieder kassiert und ins Sommerloch geschmissen wurde).

Die Frage kann nicht sein, OB Atomstrom eine Brücke in bessere (= ökologisch korrekte) Zeiten ist, sondern wie lang diese Brücke sein muss. Und was am anderen Ende auf uns wartet. Beides gehört in ein Energiekonzept, das weit über das heiße Thema Laufzeiten hinaus gehen muss und nicht nur deutsche, sondern auch europäische Interessen berücksichtigt. Aber das ist noch nicht erkennbar (obwohl für den Spätsommer zugesagt).

Die Basis für ein solches Konzept lässt sich heute leichter legen als vor einigen Jahren. Manchmal lösen sich Probleme durch langes Liegen. Und Erkenntnisse, auch wenn sie auf der Hand liegen, brauchen Zeit zu reifen. Erkenntnisse wie diese: Wir müssen weg von fossilen Energieträgern, weil sie knapp und knapper werden und unser Klima kaputt machen – auch wenn außer Versicherungen kaum ein Wissenschaftler die aktuellen Brände, Dürren und Überschwemmungen mit dem Klimawandel in Verbindung bringt. Wir müssen los kommen von unsicheren Lieferanten – auch von den Russen, deren Zuverlässigkeit und Neutralität zweifelhaft bleiben. Und wir müssen über Ländergrenzen hinweg planen: Kraftwerke, Fördermaßnahmen und Netze.

Hier lässt sich Strom ernten. Aber wie kommt er nach Baden-Württemberg? Und was treibt Mercedes, wenn Flaute herrscht?

Hier lässt sich Strom ernten. Aber wie kommt er nach Baden-Württemberg? Und was treibt Mercedes, wenn Flaute herrscht?

Die Zukunft liegt aus heutiger Sicht in den erneuerbaren Energien, die uns die Sonne schenkt. Aber sie zu bergen ist viel schwieriger als die bloße Addition von Windrad-Leistung. Das Wetter ist launisch, aber die Stromversorgung muss absolut verlässlich sein. Das bedeutet: Milliarden in neue Stromnetze investieren (und den Investoren dafür Sicherheit und Rendite geben). Weitere Milliarden in Haushalte und Unternehmen investieren, um die Energienutzung intelligent zu gestalten – keine Ahnung, wer das finanzieren soll. Und weitere Milliarden ausgeben für kluge Stromspeicher, aber hier sind wir über Gedankenspiele und tiefes Bedauern, dass Pumpspeicher in Deutschland ausgereizt sind, noch nicht hinaus. Und Kohle? Die werden wir noch Jahrzehnte verfeuern müssen, um Strom zu haben, wenn kein Wind weht. Das sollte die Politik auch jenen sagen, die in Deutschland grundsätzlich alle neuen Industrieanlagen attackieren.

Das alles muss sauber in ein für 20, 30 Jahre gültiges Konzept eingebaut werden. Damit verbunden sind kluge Förderprogramme, die flexibler nur einen Anschub finanzieren und weit weniger lobby-abhängig sind als der Solar-Wahnsinn, der uns alle einen Haufen Geld kostet und nur kleinsten Nutzen bringt (außer den Solaranlagenbetreibern und –herstellern von Bayern bis China).

Mir wäre es ohnehin lieber, dass sich der Fokus von der Förderung auf die Forschung bewegt. Mal ehrlich: Es kann doch nicht sein, dass 150 Meter hohe Windrad-Spargel-Felder, Sonnenzellen auf unseren Dächern, Mais im Tank und zentnerweise Batterien im Kofferraum die klügsten Antworten der Menschheit auf ihr größtes Problem sind.

Das wäre doch eine richtig gute Gelegenheit, die Milliardengewinne der Stromriesen zu investieren, die aus der längeren Laufzeit resultieren. Jedes zusätzliche Jahr ist nach Expertenmeinung fünf bis sechs Milliarden Euro wert. Der Finanzminister wollte davon 2,3 Milliarden abschöpfen. Wollte. Jetzt scheint mal wieder die ebenso brutal wie perfekt arbeitende Stromer-Lobby zu dominieren, die eine Einmalzahlung bevorzugt: 30 Milliarden in einen Fonds. Und dann in Ruhe gelassen werden. Grandios. Bleiben nur noch eher unwesentliche Fragen wie die nach der Endlagerung des strahlenden Mülls, um deren Beantwortung sich schon Bundesregierungs-Generationen drücken. Oder die kleinliche Frage, wer die Atommüll-Deponie bezahlt.

Aber das sind ja nur kleinliche Mäkeleien. Hauptsache, die Laufzeit wird verlängert, Herr Röttgen, Herr Brüderle und Frau Merkel kommen ohne Gesichtsverlust aus den Verhandlungen, alle können strahlen, und es sieht trotzdem nicht nach Mauschelei aus. Ein Hoch auf die Kesselflicker.

Dieser Beitrag wurde unter Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Längere Laufzeiten: Am Ende strahlen alle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.