Und jetzt ein Stresstest für die Regierungen

Er hat den Stresstest nicht bestanden: BP-Chef Tony Hayward, der Manager der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, gibt seinen Helm ab.

Er hat den Stresstest nicht bestanden: BP-Chef Tony Hayward, der Manager der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, gibt seinen Helm ab.

Vertrauen ist ein flüchtiges Gut – es ist schnell verspielt und kann nur mühsam wieder zurück gewonnen werden. In den vergangenen Tagen gab es Lernbeispiele für beide Varianten. Trotz einiger Schwächen offenkundig positiv verlaufen ist der Versuch der Europäischen Union, den Finanzmärkten per Banken-Stresstest eine gehörige Dosis Baldrian zu verabreichen. Nur 7 von 91 Großbanken haben die Hürde gerissen und die Alarmsignale gezündet. BP hingegen hat einen anderen Weg eingeschlagen: Auf der zerstörten Bohr-Plattform „Deepwater Horizon“ wurden die Sirenen als lästige Ruhestörer einfach abgeschaltet – und mit ihnen auch der Rest des ohnehin geringen Vertrauens in Tiefsee-Bohrungen. Dass BP-Chef Tony Hayward jetzt den Helm nimmt, leitet sicher keine Trendwende ein. Auch ohne ihn fängt BP in wenigen Wochen mit einer neuen, noch tieferen Bohrung an: im Mittelmeer.

Wir kennen das von unserem Arztbesuch: Wer ein Belastungs-EKG gut übersteht, fühlt sich gleich gesünder und kann Freunde und Familie beruhigen. Wobei die Ärzte die passenden Maßstäbe finden müssen, für Jumbo-Piloten andere als für Lehrer. Auch die Banken und die europäischen Regierungen haben um Maßstäbe gerungen, die verhindern sollten, dass reihenweise Patienten durchfallen – und das Banken-Belastungs-EKG trotzdem noch beruhigend wirkt. Deshalb scheute die EU die (nicht einmal nur) hypothetische Annahme, dass eines ihrer Mitglieder (sagen wir mal: Griechenland) doch noch zahlungsunfähig wird. Aber immerhin wurde als schlimmster Fall doch noch ein allgemeiner Abschlag auf Staatsanleihen von bis zu 23,1 Prozent angenommen.

Die Gratwanderung scheint zu funktionieren. Erste Signale zeigen, dass das Vertrauen in die Kreditwirtschaft wächst – und die Risikozuschläge sinken. Dass die deutsche Wirtschaft gleichzeitig kräftige Wachstumssignale sendet, dürfte den positiven Trend verstärken. Da können wir die nach wie vor bestehenden Risikofaktoren (allen voran, dass der Aufschwung vom Export getrieben wird, unser Wohl also vom Wohl ferner Länder abhängt) ein wenig in den Hintergrund drücken.

Aber diese Beruhigung darf nur in der Wirtschaft stattfinden. Nicht in der Politik. Stresstest und Wachstum entbinden die Regierungen nicht von der Pflicht, in Europa endlich den Geldmarkt neu zu regeln – durch höhere Eigenkapitalquoten etwa. Und Deutschland muss sich mit der Neuordnung des Finanzsystems auch um die Landesbanken kümmern.

Wohin es führt, nur auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, erleben wir seit Wochen bei BP. Auf der zerstörten Ölplattform gab es zwar etliche Alarmsysteme. Aber zum einen wurde das Sicherheitskonzept insgesamt nicht auf dem best möglichen Stand angesiedelt (auch weil die Behörden das nicht forderten). Und zum anderen wurde der Hauptalarm zum Schweigen gebracht, um die Mannschaft nicht wegen jeder Lappalie zu wecken. Am besten, der BP-Chef wäre dem Beispiel gefolgt und hätte ebenfalls geschwiegen. Seine Auftritte waren peinlich, seine Zusagen nicht zu halten. Und die Liste der Pannen wurde immer länger. Dass er jetzt abtritt, ist eine logische Konsequenz dieses Versagens. Einen Kurswechsel leitet das noch nicht ein. Dazu muss die Ölwirtschaft mit einem neuen Energiekonzept gezwungen werden.

In der Finanzbranche wie im Ölgeschäft haben die Regierungen jetzt die Chance, strukturell neue Wege zu gehen, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern, den Hauptalarm wieder anzuschalten und so Vertrauen zurück zu gewinnen – auch wenn das wegen der krankhaft engen Verzahnung schwer fällt (Benzinpreis hier, Aufschwung da). Die Banken haben ihren Stresstest bestanden, mal sehen, ob die Politik den ihren auch schafft.

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