Raus gedrängt, abgehängt – verloren im Netz

Stop. Auf Rot stand vier Tage lang die Ampel an meinem Postfach. 1,2 Billionen Mails sausten um die Welt - keine konnte mich erreichen. Es lebe das Fax, der Haftzettel und das persönliche Gespräch.

Stop. Auf Rot stand vier Tage lang die Ampel an meinem Postfach. 1,2 Billionen Mails sausten um die Welt - keine konnte mich erreichen. Es lebe das Fax, der Haftzettel und das persönliche Gespräch.

Mein Rausschmiss aus der modernen Welt verlief völlig unspektakulär, schmerzlos und in aller Stille. Es war an einem Samstag, nichts hatte auf das drohende Unheil hingedeutet, aber irgendwann war ich abgehängt. Raus gedrängt. Draußen. Es kam einfach keine E-Mail mehr. So etwas passiert ja nicht mit einem Paukenschlag. Am Wochenende reißt der Strom der Nachrichten halt mal ab. Deshalb lässt sich für diesen GAP, den Größten Anzunehmenden Postverlust, nicht einmal eine genaue Zeit ermitteln. Aber als mein smartes Mobiltelefon über mehrere Stunden einen leeren Posteingang präsentierte, wurde ich unruhig. Dabei war das erst der Anfang.

Nicht, dass das Büro in der Hemdentasche sonst immer funktioniert wie gewünscht. Wer sich auf elektronische Post und digitale Kalender verlässt – und das überall und zu jeder Zeit –, der hat sich längst abgefunden mit den üblichen Entschuldigungen: „Verbindung zum Server fehlgeschlagen“. Oder: „kein Netz“. Die digitale Welt hat halt noch ihre weißen Flecken – und die Firma Winzigweich nicht immer eine weiße Weste.

Trotzdem finden mobiles Endgerät und stationäre Postverwaltung immer wieder irgendwie zusammen. Bis auf dieses besagte Wochenende. Ich sagte mir: „Das ist doch auch mal nett. Ein Samstag ohne Mails. Genieße die geschenkte Zeit.“ Und habe doch alle Nase lang verstohlen die PIN eingegeben und ohnmächtig auf das Postfach-Symbol geguckt. Keine neue Nachricht.

Am Sonntag habe ich die Hotline angerufen und erfahren, dass Hunderte anderer Postfachkunden ebenfalls abgehängt wurden. Dass die Techniker „fieberhaft“ bei der Reparatur sind. Und dass sogar ein Call-Center von Bill Gates in Indien eingeschaltet war. Das hat mich, ehrlich gesagt, wenig beruhigt. Aber das Gefühl ist schon toll, das Objekt globaler Bemühungen zu sein.

Was aber am Sonntag noch nicht zum gewünschten Ergebnis führte. Angeblich schreiben weltweit fast zwei Milliarden Menschen E-Mails. Mit PC, Laptop, Telefon und Tablet. Aber ich konnte keine davon empfangen. Schreiben ging. Aber senden ging nicht. Macht dann auch keinen Spaß.

Montag. Montag sollte es wieder gehen. Tat es aber nicht. Immerhin meldeten sich jetzt immer mehr Menschen, die von einem System (wahrscheinlich einem in Indien oder Amerika oder wo auch immer es dieses Problem hin globalisiert hatte) darüber informiert worden waren, dass meine Adresse nicht bekannt ist. Und telefonisch ihr Beileid ausdrücken wollten.

Da ist man Jahre lang im Netz daheim, bekommt das Postfach zu geballert mit einem gehörigen Anteil jener 300 Milliarden Mails, die jeden Tag um die Welt sausen, und plötzlich das. Adresse unbekannt. Return to Sender. Tot wie Elvis. Fahre Memphis.

Wenigstens kommt man so mal wieder ins Gespräch mit Leuten, die man über Monate hinweg nur bemailt aber nicht angerufen hat, denke ich mir. Und das Faxgerät erlebt seine Renaissance. Handschriftliche Notizen werden neu eingeübt. Nahe Mailempfänger freuen sich über einen persönlichen Besuch. Moderne Technik setzt uns in Bewegung – jetzt verstehe ich endlich den tieferen Sinn.

Twittern funktioniert noch, WkW und facebook auch; aber denen kann ich doch keine vertraulichen Dokumente anvertrauen. Wenigstens ich sage all jenen „Hallo!“, die mich auf die Vermisstenliste gesetzt haben. Verloren im Netz, mit Arthur Dent versackt im Restaurant am Ende des Universums.

Am Dienstag ein deutliches Signal der Hoffnung: Das virtuelle Postamt wird nicht mehr repariert, sondern ganz neu eingerichtet. Aber das bewegt mich nicht mehr so richtig. Ich faxe, schreibe auf vor Jahren mit Liebe ausgewähltem – und dann im Schreibtisch vergessenem – Briefpapier, befasse mich wieder mit Postwertzeichen und bin auf dem Weg zurück zur langsamen Kommunikation. Slow mail.

Und ich habe viel Zeit. Denn mein Kalender ist leer. Kein Termin weit und breit, alle verschluckt von einem System mit Burnout-Syndrom. Die Suche nach meinem letzten, in helles Leder gebundenen A5-Terminbuch führt leider noch zu keinem Ergebnis. Bis passender Ersatz da ist, klebe ich neue Daten per Haftnotiz auf meinen Monitor (der ist ja jetzt überflüssig). Den Mailservice rufe ich nicht mehr an. Die arbeiten fieberhaft, telefonieren mit Indien oder sonst wohin. Sollen sie nur. Ich blicke zurück auf Zorn, auf Werner Zorn – so heißt der Informatiker an der Uni Karlsruhe, auf dessen Bildschirm vor 26 Jahren die erste weltweit versandte E-Mail auftauchte. Davor muss es ja auch ein Leben gegeben haben. Vor diesem 2. August 1984.

Jetzt denke ich an die weltweit letzte von mir empfangene Mail – nah am großen Jahrestag der Mail-Premiere ohne Ersttagsstempel. So schließt sich der Kreis? Natürlich nicht. Nach nur gut vier Tagen fern der digitalen Welt hat mich das Netz wieder eingefangen. Dass die Mails zwischen den beiden Ereignissen allesamt verloren sind, bedaure ich nur für 19 Prozent von ihnen. Schließlich sind 81 Prozent der weltweit verschickten E-Mails ohnehin Spam, unerlaubter, gefährlicher Müll.

Jetzt steht das Faxgerät wieder still, meine Briefpapiervorräte werden erst nächstes Jahr wieder angegriffen, wenn ich am 2. August meinen persönlichen Mail-Gedenktag einlege. Den Slow-Mail-Day. Dann schalte ich mein Postfach ab, schreibe von Hand, besuche und telefoniere. Wahrscheinlich mit Indien. Oder mit Bill Gates.

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