Täuschungsmanöver aus der Kriegskiste

Es geht uns an die Geldbörse. Und damit das nicht allzu deutlich wird, stimmt die Eurozone Kriegsgeschrei - es geht gegen die Märkte. Aber wer ist das?

Es geht uns an die Geldbörse. Und damit das nicht allzu deutlich wird, stimmt die Eurozone Kriegsgeschrei - es geht gegen die Märkte. Aber wer ist das?

Na, wer denn nun? Wer greift denn die armen Staaten der Eurozone an, um sie auszuweiden und dann das nächste Opfer zu überfallen? Bis vor wenigen Tagen hieß es noch: Spekulanten. Das spricht sich so herrlich kriegerisch, anonym und doch so, dass wir uns die Mischung aus Insekt und Geier bildlich vorstellen können. Aber dann. Dann vernichtete ein Eingabefehler an der Wall Street viele Milliarden Euro und löste Panik aus. Und wir ahnen: Computer regieren die Welt. Böse Computer. Wir sehen sie: die armen, unschuldigen Euroländer, mannhaft unser Geld verpulvernd gegen den Angriff der Killer-Bits. Der Pulverdampf hat sich verzogen, der Wind hat sich gedreht: Spekulanten sind wieder freundliche Investoren, die die Börsenkurse nach oben und Schuldzinsen nach unten treiben – und die netten Computer helfen ihnen dabei. Satt gefressen an 750 Milliarden Euro. So schnell ziehen Heuschrecken vorbei. Wirklich?

Das Vokabular der Politiker in den vergangenen Wochen stammte aus der angestaubten Kiste mit dem Kriegsspielzeug. Aber die verbale Aufrüstung galt nicht nur dem Feind in finsteren Spekulationsspelunken, sondern viel mehr dem Freund: den Menschen daheim, die mit anständigem Hurra! gleichzeitig die Geldbörsen öffnen und die Gürtel enger schnallen sollen.

Aber wer ist denn der Gegner, der da mit Milliarden bombardiert wird? Der Markt! Ach, ja. Da sehen sich die Politiker der Euro-Zone also auf der einen und „den Markt“ – ganz besonders den „Finanzmarkt“ – auf der anderen Seite. Dazwischen die Schützengräben der Futures, Kreditausfallversicherungen und Leerverkäufe. Zuerst entkoppeln sich Realwirtschaft und Finanzjongleure, und dann der Staat und „der Markt“. Ist das nicht irre? Da müssen wir wohl höllisch aufpassen, dass wir Bürger und Steuerzahler nicht auch irgendwann mal auf die falsche Seite geraten.

„Der Markt“ muss also bekämpft werden – ausgerechnet von jenen Vertretern der Markt-Wirtschaft, die bis vor wenigen Monaten noch das Hohe Lied der freien Märkte gesungen, ihnen Freiheit und Schutz versprochen haben. Verkehrte Welt. „Der Markt“ – das wissen wir doch längst – braucht Regeln, keine Krieger. Und genau da haben die Gesetzgeber versagt, die jetzt zur Attacke blasen. Der Ankündigung, die Auswüchse des Finanzmarktes zu beschneiden, sind bis heute kaum Taten gefolgt. Dabei wäre es relativ einfach: Wer mit Risiken handelt, muss einen hohen Anteil daran in den eigenen Tresor legen. Wer Geld verleiht, muss die Kredite erheblich stärker als heute mit eigenem Kapital absichern. Und Spekulationen werden mit einer Transaktionssteuer belegt. Das sollte genügen, das aufgeblähte Volumen einer Finanzwirtschaft zu verringern, die sich völlig davon gelöst hat, Waren und Dienstleistungen zu bezahlen und reale Investitionen zu finanzieren, und die sich die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigt.

Bald nur noch ein Viertel wert? Nicht die teure Rettung der Eurozone war der größte Kraftakt. Anstrengender wird es, die richtigen Konsequenzen aus der Krise zu ziehen. Schnell.

Bald nur noch ein Viertel wert? Nicht die teure Rettung der Eurozone war der größte Kraftakt. Anstrengender wird es, die richtigen Konsequenzen aus der Krise zu ziehen. Schnell.

Nichts ist geschehen. Deshalb wird wieder spekuliert. Aber auch das funktioniert ja nur, wo es Ansatzpunkte, Unsicherheiten gibt. Eine Euro-Zone, die sich wider besseren Wissens von Griechenland aufs Glatteis führen lässt; Portugal mit seinem enormen Modernisierungsstau; Spanien und die Immobilienblase. Ach ja: Und Deutschland, das seine Lohnstückkosten auf ein südeuropäisches Niveau gedrückt hat, Handelsüberschüsse anhäuft und es versäumt, den eigenen Binnenmarkt zu beleben – und dessen Regierung dann noch wegen einer Regionalwahl die Eurozone in Gefahr bringt.

Das ist jetzt vorbei. Auch Berlin hat gerlernt. Aber die Erkenntnisse der vergangenen Tage sind teuer erkauft. Denn wer zu spät kommt, den bestraft – genau! – „der Markt“. Trotz des gefährlichen Zögerns hat die Krise Europa in Windeseile völlig verwandelt. Die Euroländer helfen einander (von wegen „no bail-out“), und die Euro-Zentralbank kauft Staatsanleihen der Euro-Länder. Und es wird eine immer mächtiger werdende europäische Wirtschaftspolitik geben. Geben müssen. Die große Gefahr, dass die Eurozone zerbricht, hat Europa schneller vereint als die Gipfeltreffen vieler Jahre.

Aber damit die Rettung funktioniert, muss eine weitere Erkenntnis in Handlung umgesetzt werden: „Die Märkte“ sind keine Feinde. Sie wollen – wie wir alle und für uns alle (denn „die Märkte“ bündeln die Wünsche aller Anleger, unserer Lebensversicherungen und Depotverwalter) – ihr Kapital vermehren. Die Instrumente, mit denen sie das tun, und die Gelegenheiten dazu geben ihnen die Regierungen in die Hände. Oder eben nicht. In den kommenden Wochen – vor allem beim bevorstehenden G 20-Gipfel – wird es ums Wegnehmen gehen. Reihum. Bei Investoren und Bürgern. Sonst genügen die 750 Milliarden nicht.

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