Griechen piesacken und dann helfen

Sie sollen Griechenland retten. Und den Euro. Und die deutschen Banken: Kanzlerin Merkel und der griechische Regierungschef Papandreou.

Sie sollen Griechenland retten. Und den Euro. Und die deutschen Banken: Kanzlerin Merkel und der griechische Regierungschef Papandreou.

Das ist hart: Die Griechen müssen spartanisch werden. Schluss mit lustig: Renten runter, Gehalt kappen, den Öffentlichen Dienst abspecken und höhere Steuern zahlen auf alles, was an Hafenmole und Strand so richtig Freude macht. Und sie sollen ihr Tafelsilber verkaufen, Ferieninseln inklusive. Kein Wunder, dass das Land Kopf steht, dass die Säulen wackeln. Und dass Schuldige im Ausland gesucht werden. Zum Beispiel die Deutschen. Volltreffer.

Das haben wir alle schon mal gehört, und nicht nur am Stammtisch: In den ärmsten Wohnzimmern stehen die größten Flachbildschirme. So ähnlich war das auch in der EU. Das wohlhabende Dickschiff Deutschland, Musterschüler von Haus aus, hält die Euros zusammen und hat in den vergangenen Jahren auf mehr Lohn verzichtet. Im Jahr 2009 sind die durchschnittlichen Brutto-Einkommen sogar gesunken. Zum ersten Mal seit 1949. Deutschland ist in Europa ein Billiglohnland geworden.

Die Griechen waren da ganz anders. Südländisch. Sie haben sich den einen oder anderen Schluck aus der Lohn- und Rentenpulle gegönnt, ihre Staatsbilanzen auf Euro frisiert und sehr eifrig in deutschen Landen eingekauft. In keinem anderen Land der EU erzielte Deutschland prozentual einen ähnlichen Exportüberschuss wie bei den Griechen (im vergangenen Jahr lag das Verhältnis bei 6,7 Milliarden zu 1,8 Milliarden Euro). Jede Menge griechischer Euros landeten also auf deutschen Konten; der Zahlungsstrom in Gegenrichtung ist ein Tröpfeln.

Das ist der Anfang des Problems. Die Griechen gönnten sich den Luxus von Waren aus Deutschland (immerhin haben viele Griechen das Deutsche hier bei uns kennen- und schätzen gelernt), und wir haben zu wenig in Griechenland eingekauft – die Deutschen kaufen allgemein zu wenig ein. Die EU bewegte sich in der Folgezeit wie Odysseus zwischen Scylla und Charybdis, zwischen dem Defizit in Griechenland und dem Überschuss in Deutschland (und die Welt schipperte zwischen China-Plus und USA-Minus).

Das zusätzliche Geld blieb nicht in Deutschland. Nein. Es floss wieder nach Griechenland, um dort als Kredit neue Einkäufe zu bezahlen. Für die deutschen Anleger und Banken war das ein sicheres Geschäft – ein Staat kann ja nicht pleite gehen, auch wenn er über seine Verhältnisse lebt. Hieß es bisher.

Die Finanzkrise hat auch diese Gewissheit erschüttert. Jetzt bangen unsere Banken um 43 Milliarden Euro, die sie verliehen haben. Griechenland steht vor der Pleite und bittet selbstverständlich den Geschäftspartner Deutschland um Hilfe. Diese Bitte können wir nicht abschlagen: Wir haben die Schieflage jahrelang in Kauf genommen (und finanziert), wir haben die großzügige Auslegung unserer eigenen Stabilitätskriterien gebilligt, und wir haben in Kenntnis der besonderen griechischen Bilanzierungskünste die Erweiterung des Euroraumes gefördert. Denn Deutschland profitiert wie keine andere Nation von der gemeinsamen Währung – vor allem nach Jahren der Lohnzurückhaltung. Um den Titel des Export-Europameisters müssen wir uns keine Gedanken machen.

Berlin muss und wird helfen – und sei es mit Sicherheiten. Aber vorher werden die Daumenschrauben angelegt. Griechen piesacken, das beruhigt das Gemüt der Wähler, denen kaum beizubringen ist, dass ihr durch Hartz IV, Rente mit 67 und Lohnzurückhaltung sauer erspartes Geld südländischen Lebensstil finanzieren soll.

Griechen piesacken, das soll aber mehr noch andere Südländer vom Betteln abhalten. Wer es Athen zu leicht macht, an die Milliarden zu kommen, der lockt Spanier, Portugiesen und Italiener, denen es ebenfalls schlecht geht. Dafür ist die EU aber längst nicht bereit. Über einen Rettungsfonds wird bisher nur diskutiert, über eine besser abgestimmte Wirtschaftspolitik herrscht Unklarheit – und wer sagt den Deutschen, dass sie etwas gegen ihre Exportüberschüsse tun und mehr konsumieren müssen?

Griechen piesacken – das fällt der EU wegen ihrer eigenen Schwäche nur scheinbar leicht. Spätestens wenn das Hilfsprogramm auch offiziell verabschiedet ist (Bürgschaften und eventuell der Ankauf griechischer Anleihen), wird die griechische Regierung in Teilen dem Druck der Streiks und Straßenschlachten nachgeben. Oder dem Druck der wegen der Sparprogramme anhaltenden Rezession. Und dann? Unter EU-Verwandten wird es schwierig, die Folterinstrumente neu anzusetzen. Was die anderen Bedürftigen aufmerksam zur Kenntnis nehmen werden.

Schade, dass die EU das Helfen nicht gleich dem Internationalen Währungsfonds (IWF) überlässt – auf die Gefahr hin, dass sich auf diesem Weg fremde Nationen in europäische Angelegenheiten einmischen. Dem IWF fällt es viel leichter, harte Sparprogramme zu fordern, durchzusetzen und über Jahre auf deren Einhaltung zu pochen. Den Unmut der Betroffenen kann er viel leichter aushalten als die Europäer. Deswegen schalten Fernsehhändler auch den Gerichtsvollzieher ein, satt die unbezahlten Flachbildschirme selbst abzuholen.

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