Als Klimaschützer führend – in der Fantasie

Leckerli zum Geburtstag: Eisbär Knut hat es gut. Im Zoo. Seine wilden Verwandten bleiben weiter gejagt und vom Klimawandel bedroht. Ob es unser Gewissen zu Recht beruhigt, Plüsch-Knuts zu kaufen?

Leckerli zum Geburtstag: Eisbär Knut hat es gut. Im Zoo. Seine wilden Verwandten werden weiter gejagt und vom Klimawandel bedroht. Ob es unser Gewissen zu Recht beruhigt, Plüsch-Knuts zu kaufen?

Klimapolitik ist auch ein Spiel mit Emotionen. Der kleine Knut zum Beispiel hat uns gelehrt, nett zu sein zu den Eisbären. Dabei lebt er im Zoo, also sicher vor Eisschmelze und Großwildjägern. Und jetzt auch noch so was: Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) lässt den Handel mit Eisbären, deren Fellen und Jagdtrophäen weiter zu. Weil die Europäer das so wollen – diesmal sind die Amerikaner die Guten. Der Eisbär bleibt also vielfach bedroht von Jägern und Erwärmung – und er überlebt als Leitfigur des Kampfes gegen den Klimawandel. Gut, dass der Handel mit Plüsch-Eisbären auch erlaubt bleibt. Und wenn ein Teil des Erlöses mit Kuschelknut und seinen Kumpanen dem Klimaschutz dient, tut Knut auch aus der Ferne gut – vor allem unserem Gewissen. Aber das ist trügerisch.

Die Deutschen haben nämlich ein zu gutes Gewissen, was den Klimawandel angeht. Wir halten uns für besonders aktive Klimaschützer. Sind wir aber nicht. Das sagen Forscher der Uni Marburg. Die haben die Aussagen von 30.000 Europäern ausgewertet und zum Beispiel festgestellt: 75 Prozent sagen, dass sie umweltfreundliche Produkte kaufen. Aber nur 17 Prozent haben das auch getan (was sich leicht über die Supermarktkassen ermitteln lässt).

Besonders weit klaffen Selbsteinschätzung und konkretes Handeln hier bei uns auseinander. Die Einbildung reicht für einen Spitzenplatz, die Tat fürs Mittelfeld. Noch schlimmer: 41 Prozent der Deutschen sagen, dass sie schon genug für den Klimaschutz tun – mehr als in jedem anderen Land der EU.

Da müssen viele symbolische Handlungen mitgerechnet werden. „Fünf Plüsch-Knuts gekauft“ – Klima gerettet. Doppelt falsch. Zum einen rettet der kleine Kerl allenfalls die Profite der Hersteller in China und Vietnam. Zum andern müssen wir uns auch noch sagen lassen, dass Konsum grundsätzlich der schlimmste Klimakiller ist. Deshalb fordern das Worldwatch Institute und die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer neuesten Studie schlicht: „Einfach besser leben – Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil“.

Die Zahlen sprechen für sich und gegen das Wohlstandsdenken der alten Industrienationen. Wenn alle so leben würden wie die Amerikaner, könnte die Erde nur 1,4 Milliarden Menschen ernähren (aber in 40 Jahren werden es wohl neun Milliarden sein). Oder: Die 500 Millionen Menschen mit dem größten Wohlstand sind für die Hälfte der Treibhausemissionen verantwortlich – sie stellen aber nur sieben Prozent der Weltbevölkerung.

Die Studie fordert als Fazit: Anreize für nachhaltiges Wirtschaften setzen, die sozialen Normen verändern, mehr Zeit nehmen für sich und andere Menschen und aufhören, unnütze Dinge zu kaufen. Was man dafür braucht: Vorbilder. Eltern, Bürgermeister, Lehrer. Von Knut als Emotionsbär ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Und ein gutes Gewissen ist auf diesem Weg eher hinderlich.

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