Vitamin B gegen Pessimismus

Die Krise ist noch nicht überwunden, die Kanzlerin trotzt den Prognosen.Zweckoptimismus ist, wenn einer sich die Lage schöner macht als sie ist. Quasi das Pfeifen im dunklen Wald, um sich und anderen die Angst zu vertreiben. Zweckoptimismus gehört zur Grundausstattung der Politik. Nur die Kanzlerin pflegt seit einigen Wochen einen Zweck-Pessimismus. Zuletzt in ihrer Neujahrsansprache: Manches wird gerade im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es wieder besser werden kann. Warum nur? Entweder, traut sie den Prognosen nicht, obwohl sie relativ gut sind. Oder sie traut der Bundesregierung nicht, der sie vorsteht. Das ist wahrscheinlicher.

Es stimmt: Die Aussichten sind nicht übertrieben rosig, aber damit hat auch keiner gerechnet. Es wird noch eine ganze Weile – vermutlich Jahre – dauern, bis Wirtschaft und Wohlstand wieder auf Vorkrisen-Niveau brummen. Aber gemessen an dem, was hinter uns liegt, und an den düsteren Vorahnungen vor einem Jahr sieht die Zukunft gut aus.

In Deutschland haben Kurzarbeit , Konjunkturprogramme und der gesund gemischte Mittelstand den Absturz in die Massenarbeitslosigkeit verhindert, in etlichen Branchen ist der Export wieder angesprungen. Sogar die ersten Zulieferer für die Autoindustrie melden steigende Auftragseingänge – etwa die Lederhersteller, die lange Vorlaufzeiten brauchen. Amerika verkündet positive Wirtschaftsdaten – nicht zuletzt, dass sich die Immobilienpreise stabilisieren. China hat seine Wachstumsdelle hinter sich, und weltweit steigen Börsenkurse und die Preise für Anleihen. Das wird sich auch erfreulich auf den Finanzmarkt auswirken: Steigende Kurse verringern den Risikobestand, verbessern die Bilanzen und sollten den Spielraum für Kredite erweitern.

Aber der Aufschwung ist noch kein Selbstläufer; das Wachstum braucht Pflege. Das ist auch eine Aufgabe der Bundesregierung, und diese Aufgabe ist mit einem Wachstumsgsbeschleunigungsgesetz nicht erledigt. Wie wäre es – der Einfachheit halber – mit dreifach Vitamin B, um den Pessimismus zu vertreiben:

Banken an die Leine legen. Die Finanzwirtschaft hält den Schlüssel zum Aufschwung. Wachstum kostet Geld: Unternehmen müssen ihre Lager füllen, verschobene Investitionen tätigen und oft bei größeren Aufträgen in Vorleistung gehen. Die Banken halten sich aber mit der Vergabe von Krediten bedeckt. Sie leihen sich Geld zu Zinssätzen deutlich unter einem Prozent, legen es in halbwegs sicheren Geschäften an und stärken mit den daraus bequem erzielten Gewinnen ihr Eigenkapital (und die Bonusleistungen). Und hier und da wird schon wieder munter verbrieft und gezockt. Kredite gibt es aber meist nur gegen satte Risikoaufschläge – welche Firma kann sich Zinsen deutlich jenseits zehn Prozent leisten? Hier muss die Regierung mehr tun, als an die gemeinsame Verantwortung für das große Ganze appellieren und eine Art Telefonseelsorge für Kreditnotfälle einrichten. Die Finanzbranche, der Hauptverursacher des ganzen Schlamassels, muss deutlich mehr dazu beitragen, die Schäden zu beseitigen. Da hilft nur Druck.

Bildung um jeden Preis. Zu den Gipfeln, die sich am Ende als Jammertal erweisen, gehören auch die Bildungsgipfel. Sie versprechen alles und verstricken sich spätestens im föderalen Kompetenzgerangel. Deshalb gibt es immer noch zu wenig Lehrer, bleiben immer noch viel zu viele Schüler ohne Abschluss, studieren nicht genug junge Menschen eines Jahrgangs und zu viele das Falsche. Unsere Zukunft im globalen Wettbewerb hängt davon ab, ob die Zahl der hoch qualifizierten Facharbeiter und der Ingenieure ausreicht – trotz sinkender Geburtenraten.

Binnenmarkt ankurbeln. Das klingt schwieriger als es ist. Ein Teil der erheblichen Entlastungen, die die neue Regierung auf den Weg gebracht hat, wird in diesem Monat schon in den Geldbeuteln spürbar sein (na gut: der Hotelbonus auf die Mehrwertsteuer gehört eher nicht dazu). Die Menschen sind zuversichtlich ins neue Jahr gegangen. Da genügt die Hoffnung auf Stabilität, die Aussicht auf ein kleines Licht am Ende des Tunnels und – genau: eine Portion Zweckoptimismus. Aber dazu müsste die Kanzlerin ihrer Regierung vertrauen. Und sich selbst.

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7 Kommentare zu Vitamin B gegen Pessimismus

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