Virginia und die Abwrackprämie

weihnachtseinkaufNicht einmal auf den Weihnachtsmärkten geht mir die Abwrackprämie aus dem Kopf. Überhaupt: Prämien, Geschenke. Was gab es 2009 viele Geschenke. Die Heiligen Drei Könige unserer Zeit bringen Geld, Steuernachlässe und Stütze. Wir erinnern uns: Zuerst werden die armen Banken beschert, bis sie wieder bonusfähig sind. Und es gibt Geld für alle, die wegen der Flaute kaum noch Arbeit haben; was Hunderttausende vor dem Schicksal der Heiligen Nacht bewahrt: dem Abstieg von der Herberge in den Stall. Dann dürfen die Kinder kommen und sich ihre Prämie abholen – die in diesem Fall nicht die Zahl der Geburten erhöhen soll, sondern den Konsum. Dem blassen Stern am Konjunkturhimmel folgen die Bagger, betankt mit Beton-, Steine, Asphaltprämien – auf dem Weg nach Bethlehem reiht sich Baustelle an Baustelle. Die Herbergen bekommen einen halben Mehrwertsteuersatz geschenkt, wohlhabende Familien kriegen einen höheren Freibetrag und alle ein höheres Kindergeld. Aber diese Gabe überstrahlt alle Geschenke: die Abwrackprämie. Bares Geld für Menschen, die alte (aber nicht unbedingt kaputte) Autos verschrotten lassen, um Platz zu schaffen für neue.

Verpacken, auspacken, abwracken. Platz schaffen. Daran denke ich im Trubel der Vorweihnacht. Was wird wohl abgewrackt für all die neuen Sachen? Auch für die, die ich im Einkaufskorb habe – ob diese Geschenke ein persönlicher Anteil am Konjunkturprogramm sind? Schenken gegen die Krise – noch nie war es so staatsbürgerlich korrekt, großzügig zu sein.

Der Weihnachtsmann war das ganze Jahr über unterwegs. Der Weihnachtsmann. Auch nur ein weiterer Weltwirtschaftsreparierer? Da war doch mal mehr. Ging es nicht zu Beginn der Krise, als die Angst vor dem Absturz uns noch alle vereinte, auch um mehr Gerechtigkeit, Grenzen der Gier und die Frage, wie wir ein gutes Leben definieren? Stand an Weihnachten nicht mal eine frohe Botschaft im Vordergrund?

Sind Christkind und Weihnachtsmann jetzt vollends zur Deko mutiert – ausgerechnet in einem Jahr, das neben all den finanziellen Stützen auch neue moralische und ethische Pfeiler nötig hat? Das mag ich nicht glauben. Sicher haben auch die Generationen vor unserer schon ihre Probleme gehabt mit der Kluft zwischen Glauben, Liebe, Hoffnung auf der einen und Gaben, Listen, Hektik auf der anderen Seite. Mit der Verstaatlichung und Vermarktung des Weihnachtsfestes.

Stimmt. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich immer mal wieder mit Freude gelesen habe. Natürlich einer Zeitungsgeschichte. Von diesem kleinen Mädchen namens Virginia, dass unbedingt seinen Glauben an den Weihnachtsmann bewahren wollte. Das war 1897. Ein Kolumnist hat ihr geantwortet. Und seine Antwort gilt bis heute:

„Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der ,Sun´ steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?“
Virginia O’Hanlon

Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind angekränkelt vom Skeptizismus eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen: Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue. Und du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt erfüllt, müsste verlöschen.

Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle an Heiligabend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen?

Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens Kindern und Erwachsenen unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es Sie. All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen –, das vermag nicht der Klügste auf der Welt.

Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt auf der Welt zerreißen kann.

Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. ,Ist das denn auch wahr?‘ kannst Du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer, und nichts ist beständiger.

Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehn mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.

Frohe Weihnacht, Virginia!

Dein Francis Church

(Aus der New Yorker Tageszeitung „Sun“, die diesen Text jedes Jahr zur Weihnachtszeit wiederholte, bis sie 1950 eingestellt wurde.)

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2 Kommentare zu Virginia und die Abwrackprämie

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