Chancen für den Ex-Exportweltmeister

Waren für die Welt: Container warten in einem chinesischen Hafen auf die Verladung.

Waren für die Welt: Container warten in einem chinesischen Hafen auf die Verladung.

Es ist zum Heulen: Deutschland ist nur noch Ex-Exportweltmeister. Ausgerechnet die Chinesen haben uns überholt. Zum Heulen? Keineswegs. Nicht mal ein Grund, jetzt in Sack und Asche zu gehen und all die guten Nachrichten von Wachstum und niedrigen Arbeitslosenzahlen zu vergessen. Im Gegenteil: Je früher wir begreifen, dass Export zwar wichtig, aber nicht alles ist, umso besser.

Die deutsche Wirtschaft hat sich im globalen Wettbewerb über Jahrzehnte bewundernswert behauptet. Traditionell ist „made in Germany“ ein Gütesiegel – deutsche Ingenieure sind besonders erfindungsreich, flexibel am Markt und äußerst zuverlässig. Schade nur, dass alles das in den vergangenen Jahren in den Hintergrund getreten ist.

Im Vordergrund stand und steht: Kosten senken. Ein Großteil der deutschen Exporte stammte von Zulieferern aus Billiglohnländern. Und während die Ausfuhren deutlich zulegten, ging die Kaufkraft im Land zurück: Weil die Löhne und Gehälter stagnierten, und weil gleichzeitig die Regierung uns allen höchst einfallsreich in die Taschen gegriffen hat. Am deutlichsten war dies bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer zu bewundern, aber auch die Eigenleistungen beim Renten-Riester, bei Arzt oder Apotheker und die Ökosteuer dämpften die Lust der Deutschen auf den Gang ins Kaufhaus.

Diese Schieflage macht sich in der Krise deutlich bemerkbar – die deutsche Wirtschaft ist deutlich stärker geschrumpft als die der meisten vergleichbaren Nationen, weil die Kunden in aller Welt kein Geld hatten (und weil manche Staaten ihre Konjunkturprogramme an den Interessen der eigenen, Not leidenden Firmen ausgerichtet haben). Zum Glück hat unser Arbeitsmarkt das gut ausgehalten. Und das soziale Netz ist stabil – gestärkt durch geborgte Milliarden.

Ob es hält, bis die Exporte wieder kräftig anziehen und in drei, vier Jahren auf das Niveau vor der Krise klettern? Es wäre falsch, sich alleine darauf zu verlassen. Deutschland muss gleichzeitig seinen Binnenmarkt stärken und die enorme Abhängigkeit vom Export verringern.

Das erfordert politische Kraft, aber tut nicht weiter weh. Zum Beispiel gehört dazu, die Deutschen von Steuern und Abgaben zu entlasten. Aber das ist ja nach einem zaghaften ersten Schritt momentan höchst umstritten. Hilfreich ist auch, den Dienstleistungssektor zu stimulieren, der in unserem Land deutlich unterentwickelt ist. In Forschung und Bildung zu investieren, das kommt ebenfalls sofort dem Binnenmarkt zu Gute, aber in wenigen Jahren auch dem Export – besonders wenn es dann noch gelingt, Existenzgründern zu helfen; noch gehören wir weltweit zu den schlechtesten Standorten für junge Unternehmer.

Deutschland wird eine der führenden Ausfuhr-Nationen bleiben, weil wir clever und zuverlässig sind (und hoffentlich genug Geld in die Klugheit der nächsten Generation stecken). Das tröstet beim Abschied vom Weltmeister-Titel. Der verstellt ohnehin den Blick auf die Bedürfnisse des Binnenmarktes. Wir müssen halt gleichzeitig auf beiden Feldern spitze sein: beim Exportieren und beim Konsumieren.

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5 Kommentare zu Chancen für den Ex-Exportweltmeister

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