Gleichzeitig bremsen und Gas geben

Mehr heiße Luft - gut ein Jahr, nachdem die Kreditblase geplatzt ist, soll eine neue aufgepustet werden, weil die Unternehmen im Aufschwung Geld brauchen.Dionysios, der Tyrann, wollte Damokles eine Lektion erteilen. Denn der war neidisch auf das Luxusleben des Herrschers. Dionysios lud also Damokles zu einer antiken Party ein, ließ aber von der Decke über dem Platz des neidischen Gastes ein Schwert baumeln, das nur an einem Pferdehaar hing. Kein Wunder, dass sich Damokles an diesem Abend eine neue Einstellung zum Luxus zulegte.

Die Party ist vorbei. Das Schwert baumelt noch – und bekommt immer neue Namen. Heute heißt es „Kreditklemme“. Diese Klinge klärt uns über den Luxus einer ausreichenden, gut finanzierbaren Geldversorgung auf. Denn wie das sprichwörtliche Damoklesschwert schwebt der Geldmangel über der deutschen Wirtschaft. Wenn dieses Schwert fällt, ist es vorbei mit dem Aufschwung. Also her mit den Krediten!

Aber das ist nicht so einfach. Denn die Ursache der Klemme liegt im Kampf gegen die Krise. Sie zu bekämpfen, das ist wie gleichzeitig bremsen und Gas geben. Wir erinnern uns: Zu billige und zu großzügig verteilte Kredite sind einer der wesentlichen Gründe für das Dilemma. Es gab eine wundersame Geldvermehrung: Bank vergibt Kredit, das Geld landet beim Kunden. Bank verkauft die Forderung an einen anderen, Geld fließt an die Bank und wird als Kredit ausgezahlt u. s. w. Aus den vielen Forderungen der Aufschwung-Jahre wurden Wertpapiere gebastelt, nette Sammlungen von Kreditrisiken, die am Ende keiner mehr überblickte. So entkoppelte sich der Finanzmarkt vollkommen von der Realität.

Aber wenigstens konnte sich keiner darüber beklagen, dass Geld knapp war. So knapp wie heute. Denn inzwischen sind die verbrieften Kredite wertlos geworden – und den Banken wird auferlegt, das Geldverleihen enger als bisher an ihrem Eigenkapital auszurichten. Luft ablassen; schrumpfen. Natürlich will momentan kaum jemand das Geschäft mit den verbrieften Krediten neu ankurbeln. Das ist die erste Ursache der Kreditknappheit.

Die zweite ist, dass sich viele ausländische Banken aus Deutschland verabschiedet haben. Getreu der Devise, dass das Hemd näher ist als der Rock, gaben beispielsweise englische Banken den deutschen Markt auf und konzentrierten ihre knapper werdenden Mittel auf das Heimatland. Schluss ist mit „Konkurrenz belebt das Geschäft“.

Der dritte Grund ist, dass die Banken enorme Verluste der Zockerjahre auszugleichen haben und – um irgendwann mehr Kredite geben zu können – ihre Reserven stärken wollen. Dabei hilft ihnen der Staat. Großzügig werden die Banken mit Geld zu winzigen Zinsen versorgt. Und sie verleihen es sogar, wenn das Risiko klein ist, mit einem ordentlichen Aufschlag. Ein sauberes Geschäft, das die Bilanz bereinigt, neue Gewinne erwirtschaftet und klasse Bonuszahlungen erlaubt. Aber in den meisten Fällen dauert es so einige Jahre, bis das Eigenkapital fett genug ist für noch höhere Kreditvergaben mit größeren Risiken.

Aber genau die sind zu Beginn des Aufschwungs gefragt. Denn der Aufschwung kostet Geld: Material in die leeren Lager liefern lassen, neue Autos und Maschinen kaufen, Kurzarbeit beenden – das alles sind Anlaufkosten, denen zunächst keine Erlöse gegenüber stehen. Die erwachenden Firmen brauchen frisches Kapital, und wenn sie leer ausgehen, gibt es keinen Aufschwung. Die Banken sind aber vorsichtig. Denn unter den Firmen, die angeblich durchstarten wollen, sind auch viele, denen die Krise den Rest gegeben hat. Die Sorge, aufs falsche Pferd zu setzen, ist der vierte Grund für die Kreditklemme.

Zusammenfassung: Die Banken sollen kleinere Risiken eingehen, sie sollen auf ein gesundes Maß schrumpfen und aufhören, sich mit Verbriefungen frisches Geld zu besorgen. Gleichzeitig steigt im Aufschwung der Hunger der Unternehmen nach Kapital – aber viele Firmen stehen als unkalkulierbare Risiken vor der Insolvenz. Das Damoklesschwert Kreditklemme hängt an einem besonders dünnen Haar.

Wie lässt es sich besser festbinden?

Da sind zum einen nach wie vor die Hilfsprogramme der Bundesregierung, um Not leidenden Firmen zu helfen – und die Länder (Rheinland-Pfalz steht da an der Spitze, obwohl es seinen Förderbanken-Chef Joachim Metternich jetzt als Kreditmediator an die Bundesregierung verliert) packen weitere Milliarden drauf. Das wird helfen, die Kreditklemme zu begrenzen. Zumal der Mittelstand über die Sparkassen nach wie vor ordentlich versorgt ist – so lange die Risiken überschaubar bleiben – wie es sich gehört.

Zum anderen können auch die Banken immer noch staatliche Mittel erhalten, um ihr Eigenkapital zu stärken. Aber sie scheuen davor zurück – kein Wunder, dass außer der schwachbrüstigen staatlichen WestLB noch kein Kreditinstitut eine Bad Bank gegründet hat, um seine giftigen Papiere zu entsorgen. Denn die offensichtliche Staatshilfe gilt immer noch als Makel (zudem will der Helfer ja dann auch mitreden – zum Beispiel bei den Vorstandsbezügen).

Falsch wäre, den Lockrufen der Banken und Wirtschaftsverbände zu folgen, und noch mehr Geld in den Finanzsektor zu pumpen – großzügige Geschenke ohne Gegenleistung an eine Branche, die sich inzwischen mit Macht gegen neue Regeln sträubt. Falsch wäre auch, dass der Staat anfängt, das Verbriefungskarussell neu in Gang zu setzen – und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wie wäre es mit Verstaatlichung? Gut möglich, dass es falsch war, die staatlichen Hilfen nur anzubieten, aber nicht aufzuzwingen wie in anderen Ländern. Also feststellen, bei welchen Banken das Eigenkapital nicht genügt, die Rettung von Staats wegen zu verordnen – und die Bank im Zweifelsfall entweder zu schließen oder zu verstaatlichen. Verstaatlichen – das wird die FDP momentan nicht mitmachen. Aber wenn es wirklich zu einer schlimmen Klemme kommt, könnte das der richtige Weg sein – dann aber leider erst beschritten, wenn das Kind im Brunnen liegt.

Das war’s auch schon. Was bisher an Hilfen gegen die drohende Kreditklemme beschlossen ist, lässt sich unter Selbstverpflichtung der Banken abhaken. Bemerkenswert ist am Ende, dass als erstes die Commerzbank eine Kreditoffensive angekündigt hat. Die Bank gehört zu 25 Prozent dem Staat. Was ein Indiz dafür sein könnte, dass am Ende doch die vorübergehende Verstaatlichung nötig ist, um den nach wie vor kranken Finanzsektor zu kurieren.

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5 Kommentare zu Gleichzeitig bremsen und Gas geben

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