Vollbremsung, wenden, Gas geben

Am Ende doch die alte Mama.Alle regen sich über den Beinahe-Verkauf von Opel auf. Kaum zu glauben, dass die Tränen echt sind und die Zornesröte wirklich von Herzen kommt. Denn wenn das wirklich so wäre, hätten ganz wichtige Verantwortliche in ihrer Einschätzung völlig daneben gelegen. Und sie hätten allen Ernstes die Rechnung ohne den Wirt gemacht – bzw. einen Verkauf ohne den Eigentümer. Und das in einem Land, das Eigentum per Verfassung schützt! Deshalb nehme ich lieber mal an, dass die Empörung inszeniert ist. Zumindest die Empörung der Prominenz. Dass sich die Opel-Arbeiter und -Händler verschaukelt fühlen, ist glaubwürdig. Und nachvollziehbar. Schließlich geht es um Arbeitsplätze, Löhne, Zukunft. Ihre Aussichten haben sich vorerst verschlechtert, nachdem Magna aus dem Rennen ist und die Bundesregierung schmollend die ursprünglich fest versprochenen Milliardenhilfen in Frage stellt. Keine Sorge: Berlin bleibt nicht lange in der Schmollecke – nicht Einsicht wird die Regierung an den Verhandlungstisch zwingen, sondern mal wieder eine Wahl: die in Nordrhein-Westfalen. Aber bevor unausweichlich der nächste Verhandlungspoker um Milliardenhilfen und Arbeitsplatzgarantien seinen Anfang nimmt, schauen wir doch mal nüchtern zurück. Und stellen fest: Magna hatte seit Wochen keine Chance mehr. Ernsthaft.

GM ist der Opel-Chef. Punktum. Das dürfen wir nie vergessen – auch wenn der Rüsselsheimer Betriebsrats-Chef Franz sich manchmal in dieser Rolle gesehen haben mag, und die IG Metall das deutsche Traditionsunternehmen zum Volkseigenen Betrieb umwidmen wollte. Ohne GM kein Opel-Deal.

Das hat die Bundesregierung zu lange übersehen. Schließlich war die amerikanische Opel-Mutter faktisch pleite, und auch in Rüsselsheim drohte die Insolvenz (nach deutschem Recht eine durchaus akzeptable Lösung, um wertige Unternehmensteile und Arbeitsplätze zu retten). Der erste Eifer und mit ihm die erste Steuer-Milliarde dienten also dem Erhalt eines Traditionsunternehmens und der Besänftigung der Volksseele. Und dem Zeitgewinn. Mehr nicht.

Zeitgewinn für Verhandlungen mit Investoren. Hier ist die Große Koalition einem weiteren Missverständnis aufgesessen: Gesucht wurde kein Bräutigam für Opel, sondern für GM. Oder wie der Volksmund sagt: Der Köder (= Investor) muss dem Fisch (= GM) schmecken – nicht dem Angler (Bundesregierung).

Aber der einzige Interessent, der dem Angler schmeckte, löste beim Dickfisch in Detroit eher Würgereize aus: Magna. Und die Russen. Vor allem die Russen. Das war wohl der Haken: Die inzwischen quasi verstaatlichte US-Firma GM sollte mit dem gewaltigen Technik-Wissen ihrer deutschen Tochter eine staatliche russische Autofirma in einem Markt wettbewerbsfähig machen, in dem GM selber gerne auftreten wollte? Es ist nicht lange her, dass GM sich in Russland nach Partnern umgesehen hat, um eigene Geschäfte zu machen. Aber das war in besseren Zeiten.

Vielleicht wäre ja noch alles im Sinne des Duos Merkel-Steinmeier gekommen: Opel an die österreichisch-kanadischen Russen-Partner, nett eingepackt in Steuer-Milliarden – und im Gegenzug den Dauer-Dank des Herrn Putin. Aber leider (aber nur aus Berliner Sicht) erholte sich GM unter staatlichen Fittichen schneller als erwartet – und richtete den Blick flugs über Detroit und die USA hinaus. Auf die Welt.

Ohne Opel kann GM einiges abhaken, was aus einem amerikanischen ein globales Unternehmen macht: den europäischen Markt, das Wissen von einigen Tausend Ingenieuren (die in Rüsselsheim für die Amerikaner tüfteln), sparsame Autos für zunehmend vernünftiger werdende Käufer im eigenen Land – und dann auch noch die Hoffnung auf ein Engagement in Russland.

Vielleicht wäre dieses neue Erwachen und Erstarken immer noch nicht ausreichend gewesen, um den Magna-Deal platzen zu lassen. Aber da war ja noch die EU mit ihrer Wettbewerbskommissarin – aufgeschreckt(-hetzt?) von den Briten und Spaniern, die fürchteten, dass in ihren Ländern all die Arbeitsplätze verloren gehen, die Magna den Deutschen gesichert hat. Weil Berlin die Rechnung bezahlt. Deshalb verlangte die EU einen Persilschein: GM sollte beurkunden, dass die Entscheidung für einen Verkauf an Magna aus rein kaufmännischen Gründen und ohne politischen Druck gefallen ist. Quasi eine Aufforderung zum Meineid. Jeder Zeitungsleser wusste, dass es anders war.

Gut möglich, dass diese Lüge (auch wenn man sie als Notlüge hätte tarnen können) das Fass zum Überlaufen brachte. Jedenfalls ist der Deal geplatzt. Und wir sollten uns nicht in die Reihen der Schau-Heuler und Pro-Forma-Protestierer einordnen. So schlimm wird es nicht werden. GM wird Opel erhalten. Dazu gehört eine harte Sanierung – aber die hätte es auch unter Magna geben müssen, weil Überkapazitäten nicht auf Dauer durch Steuergeld zu finanzieren sind. Spätestens in zwei, drei Jahren, am Ende der übertriebenen Hoffnungen auf Erfolge in Russland, hätte auch Magna seine Zusagen mit dem Ausdruck größten Bedauerns brechen müssen.

Opel wird es überleben. Und die Bundesregierung auch. Beide gerupft. Jetzt wird neu gerungen um Milliarden aus der Steuerkasse (von denen wir uns zum Glück schon seit Wochen verabschiedet haben). GM wird Arbeitsplätze und Standorte versprechen. Man wird sich einigen, weil doch schon in wenigen Monaten in Nordrhein-Westfalen gewählt wird. Und wehe, GM droht die Schließung des Werkes in Bochum an – solche Feuer löscht nur der Geldhahn. Uns werden gute Gründe für den neuen Opel-Deal präsentiert. Aber bis dahin haben wir den alten Partner schon vergessen, diesen österreichisch-belgischen (oder war das kanadisch-ukrainisch?) Zulieferer. Manga? Oder war das Mungo? Und wie hieß damals noch der Außenminister?

Dieser Beitrag wurde unter Ökonologie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Vollbremsung, wenden, Gas geben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.