Die Chatten hatten keinen Schattenhaushalt

Wo wir sind, ist vorn: Die Chefs von Schwarz-Gelb wollen mutig marschieren. Der Auftakt gestaltete sich aber eher zögerlich.Die Chatten waren ein besonders mutiges Völkchen unter den Germanen. Sie lebten vor mehr als anderthalb Jahrtausenden in unserer Gegend, auch entlang der Lahn. Ab und zu trauten sich die Chatten sogar, die Römer entlang des Rheines anzugreifen. Den Chatten-Haushalt führte also garantiert kein Feigling. Das ist mit einem Schatten-Haushalt ganz anders. Den zu führen, erfordert keinen Mut. Im Gegenteil. Ins Zwielicht verzieht sich, wer keine Stellung bezieht. Wie die schwarz-gelben Koalitionäre, die im Wahl-Kampf noch laut die Trommel geschlagen und angekündigt haben, selbst schwieriges Terrain zu erobern – wie die FDP mit ihrem aufrüttelnden Kriegsgeschrei nach „Leistung muss sich lohnen“ und „wer morgens nicht aufsteht, muss abends weniger in der Tasche haben“. Und selbst die deutlich weniger angriffslustige Kanzlerin deutete von ihrem Feldherrenhügel herab mit zarter Geste an, dass sie die Strategie ihres Verbündeten gut heißt. Und die unterschied sich doch sehr deutlich von ihren bisherigen Befehlen: Auf einmal weniger statt mehr Staat, weniger statt mehr Steuern, mehr statt weniger eigene Verantwortung der zu Regierenden.

Und nun? Kaum haben sie sich die Koalitionäre zum Angriff auf die alten Bastionen wie den betonierten Gesundheitsfonds versammelt, blasen sie auch schon zum Rückzug. Was zum Teil verständlich ist – aber trotzdem nicht weniger nach Verrat aussieht. Dass die Kriegskasse leer ist, sollten zumindest die Schwarzen Ritter vorher gewusst haben: Sie haben die Truhen mit geplündert. Die Koalitionäre müssten ihrem Volk also mitteilen, was es mit wachem Blick längst selbst erkannt hat: Die Zeiten sind hart, es gibt keine Geschenke, wir brauchen unbequeme Veränderungen, wir müssen die Abgaben erhöhen, und wir gehen in unserem Schloss mit gutem Beispiel voran.

Das wäre ehrlich. Die Chatten hätten das so gemacht, auch wenn sie nicht so sicher auf dem Thron gesessen hätten wie Schwarz-Gelb. Und ohne Vier-Jahres-Garantie auf den Regierungsplatz. Aber die Schatten hat der Mut verlassen. Sie versuchen, trotz leerer Truhen wenigstens kleine Geschenke (aber viele davon) an möglichst alle zu verteilen (verpackt in große Kartons mit breiten, schwarz-gelben Schleifen). Und wenn sie, um die Gaben zu bezahlen, wie ein Taschendieb die Geldbeutel ihrer Bürger ins Visier nehmen, lassen sie sich erwischen und versichern errötend: War nicht so gemeint (zum Glück tragen die echten Roten momentan ihre Scharmützel untereinander aus, sonst hätten sie gegen ihre Ex-Bundesgenossen längst schon wieder Gelände gut gemacht).

Was dabei heraus kommt, ist absehbar, und auch dafür gibt es eine geschichtliche Parallele. Sie wurde berühmt als „Hornberger Schießen“: Im 16. Jahrhundert wollten die Bürger der Stadt Hornberg im Schwarzwald ihren Herzog mit Kanonenschüssen begrüßen. Aber sie ballerten probeweise so viel herum, dass sie kein Pulver mehr hatten, als der Besucher kam. Im übertragenen Sinn: Nach dem Kanonengetöse im Wahlkampf reicht es jetzt kaum für ein zaghaftes „Grüß Gott“.

Hoffen wir, dass Schwarz-Gelb nach der mutlosen Auftaktrunde doch noch die Sprengkraft entwickelt, die sich die Wähler versprochen haben (Um es noch einmal zu sagen: Wohltaten haben wir nicht erwartet, sondern einen klaren Kurs aus der Krise. Und dass alte Positionen niedergerissen werden.). Die Geschichte lehrt: Wer schon für den nächsten Wahl-Kampf übt, bevor die erste echte Schlacht geschlagen ist, geht als Hornberger in die Geschichte ein. Aber wer mutig ist… Die Chatten haben sich fast 500 Jahre gehalten. Den Römern mussten sie sich nie ergeben. Ein Schattenhaushalt ist von ihnen nicht überliefert.

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