Opel und Magna am „Ground Zero“

Auf dem Weg nach New York. Wall Street. Wo die Krise begann, und der Dow schon wieder die 10.000 knackt. Zum ehemaligen Sitz der Lehman Brothers, dem „Ground Zero“ der Finanzmärkte. Gut acht Stunden Flug. Zeit, Zettel zu sortieren. Und Gedanken. Irgendwo zwischen Deutschland und den USA. Zwischen Rüsselsheim und Detroit, Opel und GM. Opel – eine Traditionsmarke zwischen den Welten. Bis zur Vertragsunterzeichnung mit Magna. Dann wird es komplizierter. Ende ungewiss. Weil eine dritte Welt hinzu kommt. Russland.

Der russischen Regierung muss es wie ein unverhofftes Sonderangebot vorgekommen sein, als der amerikanische Riese GM bekannt gab, er wolle sich von Opel trennen. Einer Autofirma, die gerade angefangen hat, richtig gute Autos zu bauen. Zu spät. Alleine nicht überlebensfähig. Angewiesen auf Hilfe. Deshalb ein Schnäppchen. Was den Happen gänzlich unwiderstehlich machte, war die Morgengabe aus Berlin: 4,5 Milliarden Euro aus der Steuerkasse. Um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Und eine Wahl zu gewinnen.

Das Geld wird jetzt auch dazu dienen, die russische Autoindustrie zu retten. Denn das ist das wesentliche Ziel des Magna-Deals, der zu Unrecht meist einem österreichisch-kanadischen Konsortium zugeschrieben wird. Falsch. Russisch. Die Indizien liegen auf der Hand. Ihre Geschichte reicht weiter zurück als zum Lehman-Crash. Und sie lässt sich trotzdem erzählen bis zur Landung in New York.

Als Opel an den Bettelstab geht, sitzt Russland auf Reichtum aus dem Ölgeschäft. Dumm nur, dass die Dollars in dreistelliger Milliardenhöhe nicht auf den Konten von „Gaz“ liegen, dem zweitgrößten Autobauer des Landes. Denn der ist völlig marode: alte Technik, überkommene Produktionsmethoden und die Verkaufszahlen im freien Fall. Gut, dass in Russland gute Freunde noch etwas zählen. In diesem Fall die staatliche Sberbank. Warum diese Bank sich als Finanzier ins Spiel bringt? Wahrscheinlich hat die russische Regierung mitgemischt – kaum vorstellbar, dass eine staatliche Bank sich auf diesem Niveau engagiert ohne Auftrag aus Moskau. Und die Regierung wird sich mit der Freundin im Berliner Kanzleramt abgestimmt haben. Als überzeugende Argumente genügen die Sicherheit der Arbeitsplätze im Vorfeld der Schicksalswahl und die Aussicht auf einen gewaltigen Markt im Osten. Und nicht nur für Autos.

Hilfreich ist wahrscheinlich auch, dass der Chef der Sberbank (man achte auf den Vornamen), German Gref, ein Wolgadeutscher ist. Und noch weitere Hinweise entnehme ich meiner Zettelwirtschaft, während der Fluganzeiger südlich Island verweilt: „Gaz“ ist natürlich schon lange ein guter Kunde von Magna. Aber auch ein Bekannter von GM. Die Amerikaner dachten eine Weile daran, in Russland ein Billig-Auto zu bauen. Und der schillernde, Milliarden schwere Boss von „Gaz“, Oleg Deripaska, hatte nichts einzuwänden. Im Gegenteil. Er suchte Hände ringend eine Möglichkeit, sich mit West-Know How zu versorgen, damit seine Autos besser werden und wenigstens auf dem heimischen Markt der ausländischen Konkurrenz die Stirn bieten können. Der Plan der beiden platzte, bevor er zu Ende gedacht war. in der Notlage von GM. Denn da war in Detroit nicht Expansion angesagt, sondern Gesundschrumpfen.

Aber die Krise bietet neue Chancen. Statt einer Kooperation also einen Kaufvertrag mit GM. Opel als Wissenslieferant für den russischen Markt. Weil „Gaz“ nichts auf dem Konto hat, hilft die Sberbank. Die soll aber angeblich bereit sein, ihren Anteil irgendwann an „Gaz“ zu übertragen.

Trotz der alten Kontakte ist das eine dicke Kröte, die GM da schlucken muss. Immerhin bleibt GM auch nach dem Vertrag mit stattlichen 35 Prozent Opel-Eigner – und mit GM der amerikanische Staat. Wie das wohl aussieht? Amerikanische Staatsfirma versorgt russische Staatsfirma mit deutscher Technik (und deutschem Steuergeld), und macht sie konkurrenzfähig. Da schmerzen auch Wunden aus der nahen Vergangenheit: „Gaz“-Boss Deripaska hat sich einen Anteil von knapp fünf Prozent an GM gesichert, was nicht überall in Amerika Begeisterung auslöste.

Und Opel? Wer spricht da noch von Opel? Zunächst dürften Werke und Marke sicher sein. Die Milliarden aus Berlin (und deutlich kleinere Beteiligungen anderer Opel/Vauxhall-Nationen in Europa) garantieren den Bestand der Werke und der Arbeitsplätze (aber auch Forschung und Entwicklung, an denen die russischen Autobauer größtes Interesse haben). Wie lange Opel die Rettung jedoch überlebt, hängt vom Wohlergehen des Retters ab. Magna und „Gaz“ bauen fast ausschließlich auf den Erfolg im Osten. Wenn der russische Automarkt sich so entwickelt, wie Magna und „Gaz“ hoffen, werden auch Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern profitieren. Die momentanen Aussichten sprechen eher dagegen. Aber Magna scheint die Chancen positiv zu bewerten – und baut neue Werke. In Russland.

Neufundland in Sicht. Ein ruhiger Flug. Und eine sanfte Landung? Die Wall Street, der ehemalige Sitz von Lehman. „Ground Zero“ auch für Opel – und die Aussicht auf einen Neubeginn im Osten.

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