Demnächst ein Nobelpreis für Symbolologen?

CIA - auch ein Geheimbund. Der jagt unseren "Sakrileg"-Helden, um sich später mit ihn zu verbinden zur gemeinsamen Suche nach dem letzten Paßwort.Gerade erst hat das Nobelpreiskomitee gezeigt, was es von der Arbeit der Wirtschaftswissenschaftler hält: nichts. Den Nobelpreis gab es für Alternative, die abseits ausgetretener Pfade forschen und nach neuen Wegen suchen. Das ist die Strafe dafür, dass die Ökonomen die Krise nicht kommen sahen. Und dass sie bislang keine überzeugende Lösung vorlegen, wie es denn weitergehen soll mit dem Kapitalismus, der Sozialen Marktwirtschaft, offenen Märkten, den Steuer- und Sozialsystemen, dem Ungleichgewicht zwischen Export-Profiteuren und Import-Schuldenmachern. Und so weiter.

Das sind nicht nur harte Zeiten für die Hellseher des Auf- und Abschwungs und die Nobelpreis-Juroren, sondern erst recht für den Rest der Welt, der unter der Unsicherheit leidet. Manche sogar körperlich – etwa wenn Sachbearbeiter aus Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes krank zum Schreibtisch kriechen.

Die verzweifelte Suche nach Sicherheit generiert auch Gewinner. Etwa Autoren. Die Liste der so genannten „Sachbuch“-Bestseller steckt voller schneller Antworten auf die Frage, wie unser Leben erfüllter, glücklicher, sorgenfreier werden kann – angefangen bei „Glück kommt selten allein“ und längst nicht endend bei „The secret – Das Geheimnis“. Jetzt erobert ein solches Sicherheits-Buch sogar die Belletristik-Spitze. Garantiert. Schon steht seine englische Originalfassung ganz vorne in deutschen Buchläden. Die Rede ist von Dan Brown und seinem „Das verlorene Symbol“, dem Erben und „Zwilling“ von „Sakrileg“. Was diesen Roman so faszinierend macht, ist nämlich – neben überaus professioneller Spannungserzeugung und Atem raubender Rasanz –, dass er eine einfache Antwort gibt auf die Fragen der Welt: Alles ist längst bekannt, aber leider vergessen worden. Die Vorväter haben es in Stein gemeißelt, auf Papyrus gekritzelt, in Wachs geritzt und in Pyramiden verborgen. Wir müssen es nur finden, das geheimnisvolle Passwort – und schon hat auch die aktuelle Krise ihren Schrecken verloren. So einfach ist es also, und es würde mich kaum wundern, wenn es in wenigen Jahren auch einen Nobelpreis gibt für Symbolologen – vielleicht statt Wirtschaftswissenschaften.

Also ran an den neuen Dan Brown, Rätsel lösen und nicht erschrecken lassen – auch nicht von der Anspielung auf die Maya-Prophezeiung 2012 (das sollten wir dem Emmerich-Film überlassen, der schon bald in die Kinos kommt – sicher vor dem „Symbol“-Film). Ich habe den Roman schon mal gelesen. Meine Anmerkungen:

Washington, die Stadt der Tempel. Und durch die hetzt Dan Brown seinen Professor Langdon. Und die Leser.Wenn ein fremdsprachiger Roman die deutsche Bestsellerliste erobert, steckte bisher meist der Zauberlehrling Harry Potter dahinter. Jetzt ist diese Magie auch Dan Brown gelungen. So sehr hat der Amerikaner seine Fangemeinde süchtig gemacht nach mystischem Abenteuer-Rätselraten, dass sie nicht warten konnte, bis der Nachfolger von „Sakrileg“ („The Da Vinci Code“) endlich in Deutsch erscheint. Jetzt steht „Das verlorene Symbol“ in den Regalen.

Wer endlich mal wieder einen dicken Roman in einem Rutsch lesen möchte, wer keine Angst vor schlaflosen Nächten und Herzklopfen hat, der ist auch mit diesem Buch über Robert Langdon perfekt bedient, jenen „Symbolologen“, der in „Illuminati“ das Licht der Welt erblickte und irgendwie aussieht wie Tom Hanks. Aber wer von Dan Brown außerdem etwas Neues erwartet, der kann sich die 26 Euro sparen und noch einmal „Sakrileg“ lesen.

Denn „Das verlorene Symbol“ ist der eineiige Zwilling seines Vorgängers. Man nehme Washington statt Paris, die Freimaurer statt vatikanischer Geheimbünde und einen sich selbst kastrierenden und tätowierenden Mörder namens Mal’akh (Moloch) statt eines bleichen Killer-Mönches. Fertig.

Der Rätsellöser Langdon wird nach Washington gelockt. Dieses Mal ist es keine Leiche, die ihm die ersten Aufgaben stellt, sondern nur eine Hand. Abgehackt, tätowiert und auf ein Brettchen drapiert deutet sie an die Decke des Capitols. Von diesem Moment an ist es um die Leser geschehen. Wer das Buch danach aus der Hand legt, ist entweder todmüde oder am Ende angelangt.

Langdon muss – logisch – wieder ein Geheimnis aufdecken, um zunächst seinen Freund (zu dem die Hand mal gehörte) und dann die Welt vor dem Dämonen zu retten. Die Schauplätze liegen meist untertage: tief unter dem Kapitol, in gewaltigen Museumsarchiven, im privaten Folterkeller. Grandiose Kulissen für Gruselmomente und brutale Morde. Seit Jahrhunderten ruht dieses Rätsel der Freimaurer, das alles Wissen der Welt verspricht. Robert Langdon löst es in zwölf Stunden. Und unter erschwerten Bedingungen: Ständig bedroht von dem irren Tätowierten (selbst ein wandelndes Geheimnis), der den guten Freund (und dessen schöne Tochter) töten will. Und gehetzt von einer Spezialeinheit des Geheimdienstes CIA.

Zum Glück helfen ihm nicht nur eine attraktive, kluge Partnerin, sondern auch weise Freimaurer weiter, die kurz aus der Düsternis hervor treten, vorzugsweise in einer passend eingerichteten Bibliothek oder einem Gotteshaus – was dem Autor in gewohnter Manier reichlich Gelegenheit bietet, Reiseführer-Wissen unters Volk zu bringen. Kurz und knapp natürlich. Und schon geht es weiter.

Newton, Dürer, Dollarnoten – Dan Brown hetzt uns durch Mystik, Alchemie und amerikanische Geschichte. Und durch ganz kurze Kapitel, die Hochspannung aufbauen bis zum Unerträglichen – und dann enden im Atemlosen. Nächstes Kapitel, nächster Handlungsstrang. Drei Seiten weiter endlich die Lösung. Und neue Fragen (die wir nie gestellt hätten, aber deren Antworten irgendwie wissenswert klingen). Diese Kunst der „Cliffhanger“ beherrscht Dan Brown wie kaum ein anderer. Dazu benötigt er keine anspruchsvollen Formulierungen – wer um sein Leben rennt, spricht abgehackt. Und man hat weniger Arbeit mit dem Drehbuch für den unvermeidlichen Film.

Übrigens: Wer die Freimaurer-Symbole Zirkel und Winkel nicht parat hat, sollte eine Dollarnote als Lesezeichen zur Hand haben.

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3 Kommentare zu Demnächst ein Nobelpreis für Symbolologen?

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