Auf der Westerwelle des Erfolgs

FDP-Chef Guido Westerwelle. Er hat sich aufgemacht, die Mitte zu erobern. Mit "klarer Kante".Die neueste Umfrage, die alte Erkenntnis: Alle Zeichen deuten auf eine Fortsetzung der großen Kompromiss-Koalition. Weil die Union schwächelt, weil die SPD sich vom niedrigen auf ein niedrigeres Niveau absenkt, und weil die Grünen sich offen halten nach allen Seiten. Wer bleibt stabil oder wächst? Die Linken und die Liberalen – Parteien mit klarer Kante. Dass die Linken von einer schwachen, weil regierungsamtlichen SPD profitieren, ist nicht überraschend. Aber dass die Liberalen mitten in der Krise stabil zweistellig bleiben – wo doch liberal in Verbindung mit markt– und neo– als Ursache des Niedergangs ausgemacht ist, das ist ein Wunder. Wer den FDP-Chef live und in Bestform erlebt, begreift: Die Partei schwimmt auf der Westerwelle des Erfolgs. Ein Beispiel:

Die Philharmonie in Essen verbreitet keine Festzeltatmosphäre – auch dann nicht, wenn sie mit 3000 Menschen gefüllt ist. So viele wollen den FDP-Chef reden hören; die meisten haben sich dafür sogar in Schale geschmissen – das erlebt auch ein Guido Westerwelle nicht jeden Tag. Obwohl er jeden Tag Säle und Zelte füllt. Aber wie?

Heute Abend soll er liberale Impulse setzen für eine faire und freie Gesellschaft. Ich bin gespannt – auf ein Stückchen Philosophie in Krisenzeiten. Gefehlt. Schon nach wenigen Minuten ist der muntere Rheinländer (geboren 1961 in Bad Honnef) mitten drin in der Wahlkampf-Mechanik. Seine kleinen Wortspielereien hatten die gewünschte Resonanz – also darf es mehr sein aus der Wahlklamottenkiste. Das habe ich fast alles schon mal gelesen – aber das zu hören!

Westerwelle redet nicht, er zelebriert. Mal wie am Tresen, dann wie im Bundestag als künftiger Außenminister, wie unter Freunden, als Entertainer. Er ist in Topform und fesselt (fast) alle. Guido aus dem Rheinland erzählt Anekdoten – wie die von der Chinesischen Parteichefin in Shanghai, die ihm sagt, sie will alle Bürger ihres Landes reich machen. Reich? Eine Kommunistin? Auf Nachfrage korrigiert sie: Auf dem Weg dahin könnte es durchaus zu Unterschieden kommen, aber das Ziel stehe fest. Westerwelle zum Publikum: Stellen Sie sich vor, das würde ich heute fordern. In Deutschland. Dass die Bürger REICH werden sollen. Tosender Beifall von der Mehrheit, Erstaunen bei der Minderheit, vereinzeltes Kopfschütteln. Mein Platznachbar ist wohl eingefleischter Sozialdemokrat. Oder Merkel-Fan? Oder auf mehr Tiefgang eingestellt?

Das Wirtschaftsprogramm des Herrn Westerwelle ist einfach, wir kennen es von der Mittelstandsvereinigung der CDU aus besseren Zeiten. Leistung muss sich wieder lohnen. Die Formel: Es kann nicht sein, dass jemand, der morgens aufsteht und arbeiten geht, abends nicht mehr Geld in der Tasche hat, als diejenigen, die morgens liegen bleiben. Wer würde das nicht mit Beifall unterzeichnen.

Ansporn und Belohnung – das zieht sich durch die ganze Rede. Wenn ich was leiste, wenn ich mich anstrenge, werde ich belohnt. Das ist für Westerwelle die Grundlage des Wohlstands. Wohlgemerkt: des Wohlstands für alle. Da hat auch die Supermarktkassiererin ihren Auftritt (allein erziehend). Gleich neben dem Handwerker mit eigenem Kleinbetrieb. Leistungsgerechtigkeit (alle sollen was leisten) steht neben Steuergerechtigkeit (damit es sich lohnt: runter mit den Abgaben).

Und natürlich muss auch jeder leisten können: also Bildungsgerechtigkeit („In Indien und Brasilien sind 35 bis 40 % der Einwohner jünger als 15 Jahre“). Also müssen wir Gas geben. In Deutschland zählt, was zwischen den Ohren passiert. Weil die Geburtenrate zu niedrig ist, müssen auch die Migranten leisten. Die sollen sich besser integrieren – das darf man auch aussprechen: Wer bei uns leben und arbeiten will, muss Deutsch können. Also: Sprachunterricht vor der Schule. Applaus! Das ist natürlich nur ein Teil des Ganzen: Auch die Schüler und Studenten müssen leisten – sonst werden uns die Schwellenländer überholen. Politisch, kulturell, ökonomisch. Faule Schüler? Wer will das schon? Beifall.

Denn Indien und China und Brasilien haben, was uns fehlt: den gemeinsamen gesellschaftlichen Willen, dass es mit Fleiß und Anstrengung nach oben geht. Das ist die Dynamik unserer Gesellschaft, die gebremst, gestoppt wird, wenn Nichtstun so viel bringt wie arbeiten, und wenn der Jugend neben besseren Bildungschancen auch der Leistungswillen fehlt. Aber da sieht Westerwelle durchaus positive Ansätze – verglichen mit „seiner“ Generation, die geprägt war von „no future“. Zum Glück ist er nicht Handwerker geworden, wie der Vater wollte – was hätten die 3000 in Essen versäumt …

Abgaben runter, mehr Geld in die Bildung. Wer soll das bezahlen – in der Krise und danach, wenn wir auf Schuldenbergen sitzen? So was beantwortet der gut geölte Westerwelle-Autopilot: Wer Arbeit schafft, senkt Kosten und generiert Einnahmen. Ein einfaches Steuersystem scheucht Schwarzarbeiter zum Finanzamt. Und ohne Ulla Schmidt wäre auch mehr Geld da – nein, nicht wegen der Spanienreise mit Dienstwagen (ha-ha), sondern wegen des Milliardenschluckers Gesundheitsfonds. Und nicht nur das: Wussten Sie, dass Deutschland an China Entwicklungshilfe überweist? 500 Millionen Euro im Jahr? Entwicklungshilfe? Und die Chinesen schicken FÜNF Milliarden Euro nach Afrika. Um sich Rohstoffvorkommen zu sichern. Die wir dann nicht mehr kriegen können, denken wir uns.

Spätestens jetzt ist Westerwelle oben auf. Der Saal ist begeistert. Detailfragen? Keine! Ob das mit der CDU zu realisieren ist? Die Union hat sich ja seit ihren Leipziger Beschlüssen nach links gewandelt – sie scheint flexibel genug zu sein für die Kurskorrektur. Als hätte die FDP schon immer die breite Mitte adressiert – aber heute gelingt ihr das mit Erfolg. Hier noch einmal die Zusammenfassung am Schluss: „Das entscheidet über die Dynamik unseres Landes: ob man morgens aufsteht oder liegen bleibt!“ Ein Teil der 3000 erhebt sich und applaudiert stehend: Dank für einen kurzweiligen Vortrag, eines Rheinländers würdig. Aber ganz besonders Dank für klare Kante. Endlich kein Wenn und Aber.

Mein Nachbar ist übrigens mittendrin nach Hause gegangen. Ihm war die Westerwelle wohl zu seicht. Die Demoskopen haben ihn wahrscheinlich übersehen: FDP bleibt bei 14 Prozent, CDU und SPD verlieren: 35 bzw. 21 Prozent. Grün: -2 auf 10.

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