Auf der Hinterbank der Weltpolitik

Altvertraut oder altbacken? Die Etablierten haben es schwer - nicht nur in BerlinSo geht es zwei Großen, die über Jahre hinweg zu selbstsicher waren, um sich den Herausforderungen der Zeit anzupassen. Sie büßen ihre Bedeutung ein. Am Ende wirken sie altbacken und ausgezehrt – und das liegt nicht nur am Führungspersonal. Sogar ihre neuen Ideen klingen bekannt und langweilig. Noch schlimmer ist es um die richtigen Antworten auf die drängenden Fragen der Zukunft bestellt: Wie können wir unsere Jugend so bilden und ausbilden, dass sie besser ist als die Jugend der übrigen Welt? Wie können wir das Wissen und die Schaffenskraft unserer älteren Mitbürger möglichst lange nutzen? Ist es noch richtig, Wirtschaftswachstum in den Vordergrund zu rücken – um jeden Preis? Sind Arbeitsplätze wichtiger als Umweltschutz? Was ist Gerechtigkeit? Und so weiter.

Kein Wunder, dass die kleineren, meist jüngeren, beweglichen Konkurrenten mehr Erfolge erzielen. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass sie weniger politische Rücksichten nehmen müssen und ihr Schaffen nur an den eigenen Überzeugungen und Bedürfnissen orientieren. Wie das perfekt geht, zeigen die Gelben, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt haben. Auf der Basis einer überzeugenden Entwicklung können sie sich nun die Partner aussuchen – und es sich sogar leisten, alleine weiter zu machen, wenn die Zugeständnisse nicht ausreichen.

Oje. Jetzt klingt das aber doch sehr nach Bundestagswahl und Wahlanalyse. Soll es aber gar nicht sein. Ich wollte die Machtverlagerung der Weltwirtschaft beschreiben nach dem G-20-Gipfel in Pittsburgh und lande bei der Machtverlagerung in Berlin. Seltsam. Die Welt ist klein. Und sie hat sicher verändert. Nicht nur in der Bundeshauptstadt. Der Wandel ist global, seine Auswirkungen ähneln sich.

Wo bitte geht es in die Zukunft? Der G-20-Gipfel hat die Machtverhältnisse bereits verschoben.Schauen wir nach Pittsburgh statt Berlin. Der Gipfel hat deutlich gezeigt, dass die beiden Großen, die Nordamerikaner und die Europäer (die sich trotz EU immer noch nicht zu schade sind, bei diesen Gipfeln einzeln aufzutreten und nationale Interessen zu verteidigen), an Bedeutung verlieren. Und zwar rasant.

Sie kommen mit der neuen Situation nicht klar: Dass die Aufsteiger – allen voran China (das wir aber nicht als „die Gelben“ bezeichnen wollen) und Indien – mit klarer Kante Positionen beziehen, ihre Mitbürger hinter sich versammeln und sich rigoros auf sicher geglaubten Interessensgebieten der Etablierten wie Afrika breit machen. Amerika trauert der alten konservativen Größe nach und darf sich immer noch als einzige Supermacht verstehen. Aber der Glanz verblasst. Und Europa? Wenn es doch wenigstens eine einheitliche Wirtschafts- und Umweltpolitik gäbe. Aber so herrschen viele nationale Interessen vor, die kaum unter einen Hut zu bringen sind. Das macht es der EU schwer, flexibel und überzeugend auf neue Herausforderungen zu reagieren – das hat zwar in der Not am Anfang der aktuellen Krise geklappt, aber nur bis zu den ersten zarten Aufschwung-Hoffnungen.

Die geografische Lage und ihr jüngeres Denken sprechen im Wettstreit der Saurier für die Amerikaner, und sie nutzen beides. Auch wenn sich im asiatischen Raum Freihandelszonen breit machen und bilaterale Abkommen an der Tagesordnung sind, haben die USA rings um den Pazifik viel bessere Chancen als die Europäer (dies als schwarz-gelbe Koalition zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung der Präsidenten Barack Obama und Hu Jintao).

In der Koalition mit Asien hat das alte Amerika also im Moment noch eine Machtposition. Europa hat sich an den Rand manövriert und muss sich neu positionieren. Oder zerbrechen. Es wird nicht lange dauern, bis sich weitere neue Bewerber nach vorne kämpfen. Entweder die Europäer nutzen vereint die Zeit zur Erneuerung, oder sie landen auf der Hinterbank der Weltpolitik. Noch haben sie die Wahl.

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Ein Kommentar zu Auf der Hinterbank der Weltpolitik

  1. Paul J. Hahn sagt:

    Die Analyse ist ein Volltreffer. Als Weltenbummler, der jährlich mindestens einmal Europa verlässt, frage ich mich immer wieder, warum wir in „Good Ol´Germany“ nicht regelmäßig und auf allen Sachgebieten ein internationales Benchmarking betreiben. Das Rad muss doch nicht von jedem Land selbst neu erfunden werden. Emfehle mal den genauen Blick z.B. nach Brasilien. Dort ist die sog. Wirtschaftskrise gar nicht zur Kenntnis genommen worden. Im Gegenteil, das Land hat seit Jahren ein regelmäßiges überdurchschnittliches Wachstum. Das hat bisher in Europa und Good Ol´Germany aber noch niemand richtig interessiert. Warum eigentlich nicht?

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