Saudi-Arabien und der “ausgewogene” Despot

Über Tote spricht man nichts als Gutes, das verlangt die Pietät. Vor allem, wenn Geld und Macht die Pietät beflügeln. Deshalb lesen sich die Nachrufe auf den verblichenen saudischen König Abdullah, als wäre ein friedensliebender Demokrat und Sozialreformer verstorben und kein Despot, dem die Welt ein gerüttelt Maß des islamischen Terrors zu verdanken hat. Schauen wir uns die „ausgewogene und vermittelnde Politik“ dieses Herrschers, von der unsere Bundeskanzlerin Merkel schreibt, mal an.

Ausgewogen und vermittelnd war die saudische Politik der vergangenen knapp 20 Jahre vor allem in Richtung USA. Deren diverse militärische Einsätze in der Region wären nicht denkbar ohne Basen in Saudi-Arabien. Aus der Wüste schicken amerikanische Drohnen-Piloten heute noch ihre Exekutionswerkzeuge in den Jemen. Die USA und das saudische Herrscherhaus waren sich einig: Die Amerikaner liefern Waffen, die Saudis liefern Öl. Diese Vereinbarung haben fast alle westlichen Nationen mit getragen – in Großbritannien wehten sogar die Fahnen auf Halbmast als Zeichen der Staatstrauer.

Militärische Macht mit westlichem Kriegsgerät hat dem saudischen König beispielsweise geholfen, Unruhen in Bahrain zu ersticken und dem ebenfalls sunnitischen Monarchen dort gegen sein Volk beizuspringen. Mit saudischem Geld wurden im Nahen Osten und in Saudi-Arabien verschiedene Bewegungen des „Arabischen Frühlings“ wahlweise bekämpft oder im Sinne der Saudis umgeformt. Wahrscheinlich gibt es – Syrien ganz oben auf der Liste – keinen größeren Konflikt in der Großregion, in dem Saudi-Arabien und sein „ausgewogener und vermittelnder“ Herrscher nicht mitgemischt und häufig gezündelt haben.

Geld und Gewehre – darauf baut das Herrscherhaus, dessen zig-tausend Mitglieder ein Luxusleben führen. Reformen gibt es allenfalls in homöopathischen Dosierungen – die Todesstrafe wird regelmäßig (2014 häufiger als wöchentlich) durch öffentliche Enthauptung vollzogen; momentan wird ein kritischer Blogger langsam zum Krüppel geprügelt. Oder zu Tode. Das ist die saudische Form des Kampfes gegen „Cyberkriminelle“ – zu denen gehört halt jeder Bürger, der sich im Internet kritisch über das Regime äußert.

Prügel- und Todesstrafen zu verhängen, ist die eine Methode, jegliche Reformbewegung im Volk zu verhindern. Die andere sind Geldgeschenke. Damit die auch in den nächsten Jahren noch zur Verfügung stehen, führt Saudi-Arabien gerade einen Ölkrieg. Indem es die Welt mit billigem Öl flutet, treibt es Nationen in den Ruin (nicht zuletzt den Iran), und torpediert die Erschließung teurer Ölquellen (auch das Fracking in den USA), um seinen Marktanteil zu verteidigen – und alsbald die Preise wieder zu erhöhen.

Im schlimmen Sinne noch nachhaltiger als die Interventionen in einer ohnehin instabilen Region und der Ölkrieg sind die Auswirkungen des saudischen Religionskrieges. Dank der Ölmilliarden konnte der König in aller Welt Koranschulen fördern und die Staatsreligion Wahabismus verbreiten, die als wesentlicher Nährboden des Salafi-Terrors gilt und unversöhnlichen Hass zwischen Sunniten und Schiiten sät.

Wer jetzt dem eventuell dementen neuen Herrscher ein ermunterndes „weiter so!“ zuruft, belegt, wie bigott und an den eigenen Interessen orientiert der „Krieg gegen den Terror“ in Wirklichkeit ist.

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