E-Mail ist wie Brief – nur ohne den Umschlag

Späher über einem Meer von Daten: Der US-Geheimdienst NSA durchsucht das Internet, hört, liest und sieht mit - immer auf der Suche nach Staatsfeinden. Er spät nicht allein - auch die Chinesen spionieren. Und alle Internetgiganten werten ihre Kundendaten aus.

Es soll beruhigend klingen: Die Bundeskanzlerin will den amerikanischen Präsidenten beim Besuch in Berlin auf die moderne amerikanische Version des „VEB Horch und Guck“ (volkseigener Name für Schnüffler in der DDR) ansprechen, die systematische Ausspähung aller Daten amerikanischer Internetgiganten von Google über Facebook und Apple bis Skype und Youtube. Was der amerikanische Geheimdienst NSA (National Security Agency) wirklich mithorcht und –guckt, ist auch der Kanzlerin wahrscheinlich nicht klar. Und Barak Obama wird darauf hinweisen, dass es die Chinesen noch wilder treiben mit der Datenfischerei im Netz. Aber nicht nur die. Die Vorarbeit leisten private Unternehmen, die alles auswerten, was wir dem Internet anvertrauen. Alles? Ja: alles. Und daran wird sich nichts ändern.

Die Empörung über die amerikanischen Datenspione hält an, seit der junge Techniker Edward Snowden die Existenz des Spionage-Programms Prism verraten hat. Alle großen US-Internetfirmen (also quasi alle Internetgiganten der Welt) hätten dem Geheimdienst ihre Server geöffnet. Alles, was wir bei Google suchen und klicken, bei Facebook publizieren und löschen, bei Amazon ansehen oder kaufen oder mit wem wir bei Skype reden und bei Microsoft mailen – alles wird mitgelesen. Um die Welt vor Terrorismus zu schützen.

Zwar schwören die meisten der genannten Konzerne Stein und Bein, dass sie den Agenten keinen „direkten Zugriff“ auf ihre Datenspeicher gegeben haben. Aber die massenhafte Spionage gibt es. Und sie ist gleich mehrfach vom Kongress genehmigt worden, sagt Obama. Und die Telefonfirma Verizon hat bestätigt, dass die NSA von ihr alle Verbindungsdaten gefordert (und bekommen) hat.

Es liegt auf der Hand, dass sich die staatlichen Sicherheitskräfte (immer noch beflügelt von der Terroristenjagd nach dem 11. September 2001) nicht zufrieden geben mit Telefondaten – nicht in einer Welt, in der SMS und Mail und Chat das Telefon ablösen, und sich in Facebook und WhatsApp per Klick Gruppen bilden können, ohne sich jemals real zu begegnen. Dass die Geheimdienste mitlesen, ist also keine Überraschung – E-Mail ist wie Brief. Nur ohne Umschlag.

Und dass die US-Geheimdienste sich an die US-Internet-Konzerne wenden, liegt auch auf der Hand. Denn die haben bereits jede Menge Erfahrung darin, ihre Nutzer auszukundschaften. Sie leben davon. Natürlich vergisst (als Beispiel) Amazon nicht, welche Artikel wir anschauen und welche wir wann kaufen. Und rechnet damit unser Kaufverhalten aus – damit der nächste Newsletter garantiert zum Kauf führt. Und Amazon teilt (wie alle anderen) diese Erkenntnisse gegen Geld. Auch mit der Konkurrenz. Und wahrscheinlich auch mit den Geheimdiensten.

Verweben wir dieses Wissen mit den digitalen Spuren, die unsere EC-Karten und Kreditkarten hinterlassen. Oder unsere Kundenkarten – während die einen Punkte sammeln, sammeln die anderen Erkenntnisse. Oder unsere Auftritte in Facebook und Co. Egal, wie scharf die Privatsphäre eingestellt wird: „Privat“ ist nichts im Internet. Und: Das Netz löscht und vergisst nichts.

Solche „Skandale“ wie der um „Prism“ sind hilfreich, um deutlich zu machen: Das Ende der Privatsphäre ist der Preis für die Teilnahme an der digitalen Gesellschaft. Die meisten zahlen ihn freiwillig.

Was wir aber vom Staat verlangen können, ist Transparenz: Wir wollen wissen, welche Daten untersucht werden und welcher Richter das genehmigt hat. Außerdem müssen Nationen wie die deutsche unabhängiger werden von fernen IT-Giganten und sich eigenen, höheren Standards für die Datensicherheit unterwerfen – so ist der deutsche Datenschutz für deutsche Anbieter vom Speicherplatz in der Cloud längst international ein gutes Verkaufsargument.

Daraus lässt sich eine Strategie entwickeln, ein europäisches Projekt mit Langzeitwirkung: eine eigene Technik, die Kommunikation weniger anfällig macht für Schnüffler, mit Servern in Ländern mit Sinn für Datenschutz. Dazu werden die USA auch dann nicht gehören, nachdem die Kanzlerin eindringlich mit Barak Obama über „Prism“ gesprochen hat.

Nachtrag am 19. Juni: Die Agentur AP meldet, dass die NSA große Mengen des Internetverkehrs abzweigt und analysiert. Wie der direkte Zugriff der Geheimndienstler funktioniert, erläutert der flüchtige Edward Snowden in einem Chat mit Leserinnen und Lesern des Guardian.

Hinweis: Die großen Internetplattformen haben solche Umwege nicht nötig – denen geben wir all unsere Daten freiwillig …

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