Umweltminister erklärt Energiewende und wünscht sich was

"Das ist die Differenz zwischen Börsenpreis und Einspeisevergütung. Nach der Wahl wird das neu vermessen."

Da verhält sich der Umweltminister wie wir alle: Nur ungern trennt er sich von seinem Smartphone. Es könnte ja sein, dass die Kanzlerin dran ist. Oder dass jemand die Datei findet mit der künftigen Einspeisevergütung für Windstrom. Aber Peter Altmaier ist ein Pragmatiker. Er will mit dem Bürgermeister Werner Daum (VG Rennerod/Westerwald) hoch hinauf, 100 Meter hoch, in die Gondel des Windrads. Und das Telefon in der Hosentasche würde zu sehr kneifen unter all den Sicherheitsgurten. Also übergibt er sein iPhone und lässt sich in den schneeweißen Overall helfen. Was daran scheitert, dass der Schutzanzug nicht für so (ge)wichtige Politiker gedacht ist. Der Bürgermeister profitiert: Ihm passt das Stück, „nachdem Sie ihn geweitet haben.“

Das ist wie bei der Energiewende: Nachdem die Einspeisevergütungen deutlich geweitet waren, passten sie den Investoren. Inzwischen legen die Stromkunden jedes Jahr -zig Milliarden Euro drauf (2013: ca. 20 Milliarden). Jetzt gilt es eher, auf die Bremse zu treten. Die Strompreisbremse. Denkste; da wurde Altmaier ausgebremst: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr … Gebremst wird frühestens nach der Wahl. Von wem auch immer.

100 Meter höher, in der Gondel, wird Peter Altmaier erneut gebremst: Die schmale Lücke zwischen Aufzugsschacht und Leitungsstrang ist zu eng für Charakterfiguren vom Zuschnitt eines Umweltministers aus dem Saarland.  Mit Engpässen kennt er sich aus. Am ehesten mit denen im deutschen Stromnetz. Die verhindern, dass Energie aus dem windigen Norden in den Süden des Landes fließen kann, wo durch die Stilllegung von Kernkraftwerken Ebbe herrscht. Aber dafür ist Altmaier ja nicht verantwortlich, sondern seine Vorgänger Gabriel und Trittin, sagt Altmaier später.

Wenn wir erklimmen ... Vor dem Aufstieg - zum Glück fährt im Turm ein Aufzug, der Minister und Bürgermeister nach oben bringt.

Also ist nichts mit dem weiten Blick von der Kanzel 100 Meter über der höchsten Erhebung des Westerwaldes, der Fuchskaute (657 m), über die Höhen und die munter rotierenden Räder. Solche Windparks findet der Minister wunderschön, aber so langsam kommt er sich auch vor wie der Zauberlehrling: Nachdem er die Photovoltaik EEG-technisch gebändigt hat, schießen jetzt die Windanlagen ins Kraut, sagt er und nennt es „Anzeichen für einen Anstieg“ der Investitionen in Windenergie. Das kann man sagen: 2010 kamen Windräder mit einer Leistung von 1500 Megawatt frisch ans Netz, 2013 werden es bis zu 4000 Megawatt sein, 2014 bis zu 5000. Das ist mehr, als in der Ausbauplanung der Energiewende vorgesehen war, sagt der Minister. Weil die Anlagen preiswerter werden und mächtiger und der Garantiepreis für Windstrom noch attraktiv ist.

Die Kanzlerin? Nein: Die Strombörse. Schon wieder gibt es die Kilowattstunde für unter zwei Cent - und die Nachbarn bedienen sich.

Die Kanzlerin? Nein: Die Strombörse. Schon wieder gibt es die Kilowattstunde für unter zwei Cent - und die Nachbarn bedienen sich.

Nach der Rückkehr vom Turm bringt den Minister ein Blick aufs Handy auf den Boden der Energiewende-Tatsachen zurück. Er hat einen direkten Draht zur Strombörse in Leipzig, und die meldet gerade einen Strompreis von 1,93 Cent pro Kilowattstunde. Das ist fast geschenkt. Aber Strom wird für uns trotzdem teurer. Altmaier muss das seinem Publikum erklären: Je niedriger der Strompreis an der Börse, desto mehr müssen die Stromkunden drauflegen für Ökostrom. Denn die Umlage ist die Differenz zwischen dem Börsenpreis und dem höheren Garantiepreis für regenerativen Strom.

Das alleine ist noch kein Grund für steigende Preise: Addiert man den Börsenpreis und die Umlage, bleibt der Preis seit Jahren fast konstant. Dumm nur, dass Preise wie die 1,93 Cent dann entstehen, wenn zu viel Strom im Netz ist und Abnehmer fehlen. Dann wird Ökostrom in Nachbarländer geliefert, verschenkt, oder sogar mit Zuzahlungen schmackhaft gemacht. Aber in Deutschland regulär bezahlt, inklusive EEG-Aufschlag. Dann profitieren die Nachbarn von unserem subventionierten Sonnen- und Windstrom. Aber nicht mehr lange, prognostiziert Altmaier – und das klingt pessimistisch. Denn die Tschechen, Polen und Franzosen bauen selbst Windräder.  Und werden, weil es an Speichern mangelt, an windreichen Tagen die Grenzen dicht machen. Weil es keinen EU-Plan gibt.

Das ist die Zukunft. Aber mit so was nach Berlin? Zu viele Stopps. Zu eng. Dann doch lieber zurück in den Audi A8.

Was dann? Altmaier wünscht sich was: die Umwandlung von Strom in Gas, miteinander vernetzte Batterien von Batterien, intelligente Netze und schlaue Zähler. Das alles soll helfen, den Strompreis für die Wirtschaft und vor allem die Privatkunden zu bremsen.

Die Wirtschaft soll vor allem profitieren von der Energiewende. Wenn die Probleme gelöst sind, die Altmaier als Herausforderungen betrachtet, rechnet der Umweltminister mit einer regelrechten Innovationswelle. Was Deutschland bei Unterhaltungselektronik und Computern versäumt hat, dass soll bei der Energieversorgung gelingen: Die Pole Position, die Führungsposition. Deutschland soll der Welt zeigen, wie man die wertvollen, knapper werdenden fossilen Brennstoffe Öl, Gas und Kohle schont und dennoch nicht auf Wohlstand und Wachstum verzichtet. Statt – wie China – jede Woche ein Kohlekraftwerk einzuweihen und die Luft zu verpesten. Wobei er natürlich nicht verschweigt, dass auch in Deutschland die Umweltbelastung wieder steigt, weil Kohlestrom so billig ist, weil die Verschmutzungsrechte fast verschenkt werden, weil die EU sich nicht mit einer künstlichen Verknappung anfreunden konnte. Und dass in Amerika dank der Erschließung neuer Gasvorkommen (mittels des umstrittenen „Fracking“) der Strom aus Gaskraftwerken nur noch 2,5 Dollar-Cent pro Kilowattstunde kostet, der Preis für Windenergie mit 5 Dollar-Cent zwar schon atemberaubend günstig ist – aber halt immer noch doppelt so teuer, was das Thema Ökostrom in den USA irgendwie ins Abseits bugsiert.

Der Windrad-Veteran Joachim Fuhrländer - nicht jede Story der Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte.

Nachdenkliches vom Minister. Und Denkanstöße: Angenommen, Wind und Sonne produzieren genügend Strom für alle und alles. Und dann – wie alle vier Jahre etwa – kommt dieser Tag im Januar, mit minus zehn Grad seit einer Woche, strahlendem Sonnenschein und über zehn Zentimeter Neuschnee auf den Photovoltaikanlagen. Und Windstille. Dann fehlen plötzlich 80.000 Megawatt – es sei denn, genügend Kohle- und Gaskraftwerke sind zur Stelle. Aber wer finanziert diese Kraftwerke und ihre Mannschaften in den vier Jahren zwischen diesen Januar-Tagen?

Der Umweltminister kommt gut rüber im Hohen Westerwald. Dank eines Westerwälder Wanderstocks findet er seinen Argumente-Weg zwischen den Vertretern der Stromversorger (KEVAG, Gasversorgung Westerwald, die jetzt auch Windenergie herstellt, und Juwi) auf der einen und Stromkunden auf der anderen Seite.

Wahlversprechen sind nicht zu hören, außer: Das Gesetz über Erneuerbare Energien wird geändert. Gleich nach der Wahl. Bis dahin darf in sicherem Rahmen gebaut werden, sagt Altmaier. Mit ihm werde es keine Verschlechterung der Bedingungen für bestehende Anlagen geben (dass er die mal gefordert hat, war wohl überlegt und begründet, aber es kommt nicht wieder vor). Der Minister hat seine Lektion gelernt. Seine Zuhörer auf der Fuchskaute auch.

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