Liebe Telekom, mach die Flat teurer, aber bremse nicht

Das war’s dann wohl. Die Deutsche Telekom bestattet die größte Errungenschaft der Internetanbindung: die Flatrate. In der kommenden Woche, gleich nach dem Feier-Tag der Arbeit, wird in die Verträge eine Drosselklappe eingebaut. Wer zu viel surft, wird auf Sparversion gezwungen. Die funktioniert – zum Glück ist die Telekom auch in eigener Sache nicht rasend schnell – zwar erst irgendwann im Jahr 2016. Aber sie wirkt jetzt schon schädlich auf die Entwicklung des Netzes.

Natürlich hat die Telekom Recht in ihrer technischen Begründung. Und das verstehen wir, ohne Begriffe wie „Zettabyte“ in den Raum zu werfen. Aber wenn er schon mal da steht, der Begriff, und weil er so ungewohnt autoritär und gleichzeitig außerirdisch scheint, holen wir die ganze Familie: 1 Zettabyte sind 1000 Exabyte. 1 Exabyte sind 1000 Petabyte. 1 Petabyte sind 1000 Terabyte. Und ein Terabyte sind 1000 Gigabyte – und ein Gigabyte, das sind fast 700 Disketten – für jene, die so was noch kennen wie Diskettenlaufwerke.

Warum schreibe ich das? Nun: In drei Jahren, so rechnet die Firma Cisco hoch, wird der weltweite Datenverkehr zum ersten Mal die Zettabyte-Marke überspringen. 1,3 Zettabyte Daten werden dann auf den Netzen der Welt transportiert. Das sind also 110 Exabyte im Monat. Im ganzen Jahr 2012 sausten nicht viel mehr als 500 Exabyte durchs Internet.

Eine solche Entwicklung geht an den deutschen Netzen nicht spurlos vorüber. Auch hier laufen immer mehr Filme auf PC oder iPad & Co (1,3 Zettabyte im Jahr sind 37 Millionen DvDs pro Stunde), werden Fotos und Musik in die Cloud geschickt und wieder daraus hervorgeholt. Derzeit liegt der durchschnittliche Internet-Verkehr pro Breitband-Nutzer in Deutschland bei 12 Gigabyte pro Monat. In den USA bei 19 GByte und in Korea schon bei 40 GByte, ermittelt Entropy Economics.

Und die rein technischen Möglichkeiten, den alten Leitungen mehr Bandbreite zu entlocken, sind inzwischen äußerst begrenzt. Es müssen neue Leitungen her. Und die kosten viel Geld.

Es wäre verständlich, wenn die Telekom dafür die Hand aufhalten würde. Das hatte ich – ehrlich gesagt – für das Geschäftsmodell gehalten: Rede Deinen Kunden ein, dass sie ohne die Cloud nicht mehr leben können; mach sie süchtig auf Videos on demand; sag allen, dass Musik nur per Download cool ist. Und dann koch sie ab. Als Dealer mit der heißen Ware Bandbreite.

Die Telekom hat’s nicht verstanden. Statt die knappe Ware zu verteuern, wird gedrosselt – darauf hätte auch die Deutsche Bundespost kommen können. Ein Volk, das dank Flatrate „always on“ ist, wird zum „always waiting“ verdammt. Das ist ein echter Rückschlag für alle, die ihre Flat wirklich nutzen (eine Minderheit) und ein gefühlter Rückschlag für alle anderen, die nicht wissen, dass sie niemals jene Gigabyte-Grenze überschreiten, die vor der Bremse gezogen wird.

Die moderne Kommunikation mit Skype und dem wachsenden Schwarm der Messenger und die moderne Download-Wirtschaft lebt von der Flatrate – aber mehr noch lebt sie von dem Gefühl, ohne Limit im Internet unterwegs zu sein. Dieses Gefühl haben wir der Telekom zu verdanken. Und jetzt wird gebremst.

Damit werden alle anderen Lieferanten zu ähnlichen Schritten gezwungen (weil die Telekom in der Regel die letzte Meile zu den Kunden stellt). Eine Ausnahme dürften die Kabelnetz-Betreiber darstellen – deren Kapazitäten sollten noch eine Weile auch für steigende Datenmengen ausreichen (da wundert es, dass Kabel Deutschland bereits eine Obergrenze eingeführt hat – na gut, 60 Gigabyte am Tag und nur für Filesharing und Cloud ist recht komfortabel).

Was hat die Telekom wohl vor? Meine Vermutung ist, dass sie in den kommenden Jahren ihr eigenes Angebot an Cloud- und Streaming-Diensten erweitert und diese eigenen Angebote von der Bremse befreit (wie bereits für „Entertain“ verkündet). Damit könnte sie sich einen Vorteil verschaffen, weil die Konkurrenz von iTunes, YouTube, Lovefilm und Co. ruckzuck das Freivolumen aufzehrt. Danach kassiert die Telekom entweder für einen Nachschlag (wie bei den mobilen Datendiensten) – oder offeriert erfolgreich das eigene Film- und Cloudangebot.

Das sind eher Marketing-Tricks als seriöse und verantwortungsvolle Unternehmensplanungen. Aber es ist noch nicht zu spät. Vielleicht lässt sich die Telekom ja vor 2016 noch überzeugen, die ungebremste Flatrate im Angebot zu halten – es darf auch gerne etwas mehr kosten, wenn die Leistung stimmt. Nur bitte kein Rückschritt in die Volumenabrechnung des vergangenen Jahrhunderts. Das ist wie die Neueinführung von Diskettenlaufwerken.

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