Nicht erpressen lassen – Zypern darf Rubel statt Euro haben

Mit Industrie und Infrastruktur ist in Zypern kein Staat zu machen - der Finanzsektor sollte es richten. Mit Millarden aus Russland. Die jetzt gerettet werden sollen.

Eltern kennen den Zypern-Effekt aus dem Kinderzimmer: Wenn die etwas älteren Kinder den Jüngeren so lange Schauergeschichten erzählen, bis sie selbst Angst kriegen. Die etwas älteren Kinder, das sind hier die Politiker des Eurolandes, die ihre Milliarden Euro teuren Rettungsschirmabenteuer mit Angstgeschichten durchgepaukt haben. So lange wurden die gruseligen Argumente für die Euro-Rettung und gegen den drohenden Niedergang Europas wiederholt, dass sich die Geschichtenerzähler jetzt schon, wenn ein winziges Inselchen „Buh!“ sagt,  selber verkriechen. Und das ist ein echter Grund, sich Sorgen zu machen.

Mal im Ernst: Es sind doch läppische Beträge, um die es momentan geht. Zehn Milliarden Euro soll das Euroland überweisen – so was wie die Jahreszinsen für die Griechenlandhilfe. Worüber reden wir also? Natürlich: über Systemrelevanz. Es heißt, auch so ein Winzling mit weniger Einwohnern als Köln könnte die große Union in Schwierigkeiten bringen. Und keiner nimmt das als Scherz; manche Kollegen übernehmen die angedrohten „Schockwellen“, die von Zypern ausgehen, wenn das Geld ausgeht, dankbar in ihren Sprachgebrauch.

Für mich sind das eher Lachsalven, die von Zypern ausgelöst werden. Zyperns Banken schulden allenfalls den Griechen einige Milliarden – wenn die wegfallen, versandet die angebliche „Schockwelle“ schon an den Geldsäcken des Milliarden-Rettungsrings um Athen. Die übrigen Verlierer einer Pleite sind vor allem reiche Russen, die ihr Geld steuergünstig auf der Insel ins Trockene gebracht haben, die dort in Villen residieren und Firmen gründen, die das auf Seite geschaffte Geld per Kredit vermehren und wieder daheim in Russland investieren. Rettet die russischen Millionäre? Das ist kaum zu vermitteln.

Aber es ist der Kern der Euro-Rettungspolitik: Rettet die schillernde Finanzwelt. Sie saugt sich voll mit billigem Geld, spekuliert wieder was das Zeug hält, befeuert den Aktienmarkt und bastelt an neuen Blasen – weil so viel Geld auf dem Markt ist und attraktive Anlagemöglichkeiten so rar sind. Diese Welt kennt nur eine Richtung: weiter so. Und wenn es schief geht, hilft der Staat (= die Steuerzahler). Die Anerkenntnis von Mittäterschaft ist dieser Welt fremd. Risiko nicht nur einzugehen, sondern im Fall des Falles auch zu tragen, kommt nicht in Frage. Nicht mal zehn Prozent wollte Zypern den Großanlegern abnehmen – und schon mobilisieren sie die Straße. Und die Politik, die sich gerne vor den Karren spannen lässt, um solche potenten Anleger zu schützen.

Europa ist zur Geisel der Spekulanten geworden. Statt sie zu zähmen, wie ursprünglich versprochen, überlässt man ihnen das Regieren. Die Staaten sind der Finanzwelt ausgeliefert. Weil sie nicht sparen können und wollen, weil sie irrsinnige Sozialprojekte für „gerecht“ halten, eifrig Wahlgeschenke verteilen auf Kosten künftiger Generationen und eine geringere Neuverschuldung feiern – statt Schulden abzubauen.

Die Bürger Europas sind – wer wollte es ihnen verübeln – inzwischen so verwöhnt, dass sie die harten Reformen als Werk von Blutsaugern betrachten – und nicht als die Präsentation der Rechnung für zurückliegenden Genuss, den man sich nicht leisten konnte. Dass es dabei in erster Linie die Mittelschicht trifft, die noch Steuern bezahlt, ohne Chancen der Steuer-Flucht zu haben, und daheim über jene Guthaben verfügt, die man für den Euro schröpfen kann, ist systemimanent. Und systemrelevant.

Die Mittelschicht zahlt übrigens heute schon: Die Zinsen auf Geldanlagen sind dank der Krisenpolitik nicht mal halb so hoch wie die Inflation. So werden Vermögen verzehrt – auch jene unter 100.000 Euro. Auch die angesparten Lebens- und Rentenversicherungen, während die Börsen sich vollsaugen mit billigem Kapital.

Und was soll aus Zypern werden? Nachdem das Parlament den zahmen Sparkompromiss abgelehnt hat, sollte Euroland sein Hilfsangebot zurückziehen. Das schafft klare Verhältnisse und macht deutlich: Wir lassen uns nicht erpressen. Auch nicht von der Bankenwelt! Eine solche Haltung schafft – zumindest bei mir – viel mehr Vertrauen als all die Rettungsschirme und Angstgeschichten zusammen.

Zypern wird insolvent und scheidet aus dem Euro aus. Vielleicht ist der Rubel eine Alternative; soll die Regierung ihre dümmlichen Erpressungsversuche mit einer Annäherung an Russland doch in die Tat umsetzen. Okay: Gazprom übernimmt die Gasvorkommen, die russische Marine richtet sich ihren neuen Mittelmeerstützpunkt ein, und die Neureichen behalten ihre Villen, ihre Firmen, ihre Vermögen und ihre niedrigen Steuersätze. Nur diejenigen ohne Vermögen schauen in die Röhre, weil der Staat ihre Rente verzockt hat. Und jene mit den kleinen Guthaben, die momentan die Straße bevölkern? Sie werden sich wünschen, noch mal mit einem Abschlag von unter sieben Prozent davon zu kommen.

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