Wenn Koffer aus der Rolle fallen und Reisende radlos sind

Ohne die sind die Reisenden radlos. Jetzt hat die Gepäck-Evolution eine neue Variante hervorgebracht: den Hündchen-Schiebe-Roller. Da können nur Kraniche ruhig bleiben.

Es gehört zu den Grundlagen unseres Wirtschaftens, dass Dinge, die noch recht nützlich sind, ganz schnell alt aussehen und Platz machen müssen für Neues. Damit das zuverlässig passiert, denken sich die Hersteller einiges aus: In der ohnehin schnelllebigen Kleidermode genügt schon die neue Farbe, bei Autos tut es eine andere Form der Scheinwerfer. Ganz toll trieben es einst die Amerikaner, die ihren Autos über Jahre hinweg jedes Jahr als Symbol der wachsenden Modernität immer längere Heckflügel verpassten – bis die Flügel eines Tages fast zwei Meter lang und im Sinne des Wortes nicht mehr tragbar waren. Richtig: Sinnvoll müssen die Neuerungen nicht sein, aber augenfällig. Schwierig wird das bei Gegenständen, die selten benutzt oder rein von der Funktion her definiert werden und nicht so sehr dem Modedruck unterliegen. Wie Äxte oder Rasierapparate. Oder Koffer. Das mit den Koffern und fehlendem Modedruck galt zumindest bis zu dem genialen Einfall, dem Gepäck mehr Rollen zu verpassen. Seitdem bewegen sich Reisende durch Flughäfen und Bahnhöfe, als würden sie einen Schäferhund gassi führen.

Wer erinnert sich noch an die Zeit, in der Gepäck noch was mit anpacken zu tun hatte? Als Gepäckwagen noch sinnvoll waren? Richtig: Das war damals. Damals, bevor man Räder an Koffer schraubte. Die Rollkoffer waren anfangs noch nicht optimal. Die üblichen Hartschalen hatten an der schmalen Seite hinten zwei winzige Rädchen und vorne einen dürren Klappgriff, mit dem das zum Gefährt mutierte Gepäck nicht immer stabil zu manövrieren war. Kurzzeitig wurden den Koffern schon mal vier Rädchen untergeschoben, und vorne gab es eine Zugleine, einer Hundeleine nicht unüblich – und manchmal verhielten sich die solchermaßen gezogenen Koffer auch wie unartige Verbeiner.

Dann endlich. Endlich! Endlich wurde die optimale Rollenverteilung gefunden: Zwei Räder an der Querseite für mehr Stabilität. Und groß genug, um Hindernisse wegzustecken. Dazu ein rückenschonend langer Griff, in Koffer und Tasche versenkbar. Wie herrlich. Eine Erfolgsstory. Seitdem haben Reisende nicht nur Körperhöhe und Schulterbreite, sondern auch eine Reisendengesamtlänge. Wir haben uns daran gewöhnt, die Rollanhänger zu berücksichtigen, wenn wir im Terminal Menschenschlangen kreuzen – Reisender, Arm des Reisenden, ein Meter Griff und Koffer. Mit diesen Reisetaschen hätten wir alt werden können.

Aber das geht natürlich gar nicht. Alte Reisetaschen sind der Tod der Täschner. Neue Modelle, erkennbar allenfalls an mehr Fächern und aerodynamischem Design (als würden sie auf die Flugzeuge drauf geschnallt) oder in grelle Farben gehüllt, hatten wohl nicht den gewünschten Verkaufserfolg. Etwas musste grundlegend anders werden. Nicht unbedingt besser. Aber anders. Zum Beispiel: mehr Räder und damit verbunden eine ganz neue Art der Fortbewegung.

Deshalb also rollen die neuen Taschen und Koffer auf vier Rädern. Unten. Am schmalen Boden. Seitdem wird Reisegepäck nicht mehr gezogen, sondern kumpelhaft an der Seite gerollschoben bzw. geschubrollert. Bei Fuß!, quasi, um in der zur neuen Optik passenden Hundesprache zu bleiben.

Reisende sind jetzt nicht mehr lang, sondern breit – und das in den endlos langen, aber engen Gängen der Flughäfen, zwischen Boss und Büchern, Elektronik und Parfüm, oder auf schmalen Bahnsteigen: Reisende sind neuerdings schulterbreit PLUS kofferbreit. Solchen rollenden Barrikaden aus Mensch und Material geht man am besten aus dem Weg. Weiträumig. Der schnelle Schritt zur Seite ist zu kurz gesprungen.

Zudem sind diese Hündchen-Schiebrollkoffer nur für absolut ebene Flächen geeignet. Schon kleinste Steinchen oder Kaugummipapier werden den winzigen Rädchen zum Verhängnis. Sie reagieren verklemmt. Deshalb kennen wir schon aus Erfahrung die nächste Entwicklungsstufe: größere Räder – die Werbung wird von Inline-Rollern reden. Und so weiter.

Ein Blick in die Abfertigungshallen beweist, dass diese neue Art der Gepäckbewegung trotz grundsätzlicher Fehler ankommt, weil sie neu ist. Und weil die optimale Form (zwei große Räder an der unteren Breitseite, langer Griff) nicht mehr zu bekommen ist (den Kunden die Wahl zu lassen, widerspricht der Theorie konsequenter Modellpflege). Also wird meine alte Zweirad-Zieh-Tasche gepflegt in der Hoffnung, dass die mächtige Koffer-Evolution den untauglichen Vierrad-Entwicklungsast in einer Sackgasse enden lässt und eine neue Mutation hervorbringt.

Welche das sein wird? Hier könnten uns die amerikanischen Straßenkreuzer helfen. Als deren Heckflossen auf gut 1,90 Meter Länge angekommen und nicht mehr tragbar waren, hätte das nächste neue Modell eigentlich kürzere Flossen haben müssen. Aber zum einen waren die Flossen ja eh völlig sinnlos, und zum anderen wäre damit ja wieder das Vorgängermodell mit etwas kürzeren Auswüchsen aktuell gewesen. Fazit: Die Autohersteller ließen auf einen Schlag die Flossen ganz weg.

Auf die Koffer übertragen könnte das bedeuten: Sobald jeder gemerkt hat, dass die frisch angeschafften Hündchen-Roller zwar ungemein modern, aber unpraktisch sind, werden die Hersteller allen Ernstes mitteilen, dass Reisetaschen und Koffer mit Rollen nicht mehr in die Zeit passen. Und auf Räder völlig verzichten. Die Gepäckträgergewerkschaft wird Beifall klatschen, und die Gepäckwagenhersteller in Fernost werden Überstunden machen.

So wird jeder wieder seine alte Rolle finden – mal wenigstens so lange, bis die Reisegepäckindustrie eine neue Erfindung verkündet, die wirklich jeder Reisende haben muss: Koffer mit Rädern. Dann fängt die Kofferevolution von vorne an, und ich werde sehnsüchtig warten, bis der optimale Koffer neu entdeckt wird – der mit dem versenkbaren Griff und den beiden großen Rollen an der breiten Basis. Dann kaufe ich mir einen neuen. Versprochen.

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