Berlin und Nürburgring – warum gehen Großprojekte schief?

Bei staatlichen Großprojekten wachsen die Bäume selten in den Himmel - eher die Kosten. Unternehmerisches Risiko scheidet als Korrektiv leider aus.

Warum verlaufen in Deutschland Großprojekte regelmäßig unregelmäßig? Zumindest Großprojekte unter staatlicher oder quasistaatlicher Aufsicht. Mir fallen da in erster Linie nur zwei Gründe ein: Die handelnden Personen verfügen neben dem Amt nicht immer über den Verstand zur Leitung und Kontrolle solcher Projekte und: Der Staat muss keine Angst vor Insolvenz haben.

Beispiel Großversagen Berlin-Brandenburg. Zwei Männer – beides bislang verdienstvolle und sympathische Politiker – haben dafür gesorgt, dass der künftige Flughafen der deutschen Hauptstadt unter ihrer Führung staatlich projektiert wird: der eine ein studierter Jurist, der seine Karriere ausschließlich dem Partei- und Verwaltungsapparat widmete; der andere ein Biomediziner, der zu DDR-Zeiten die Abteilung Ökonomie und Technik eines Kreiskrankenhauses leitete und dann eine Abteilung der Hygieneinspektion Potsdam. Mit Projektmanagement in großem Stil dürften die beiden, Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, selten bis nie in Berührung gekommen sein. Immerhin ist der Dritte im Bunde ein studierter Kaufmann, Gesellschafter der Mühle der Familie: Peter Ramsauer. Ihm hätte auffallen müssen, dass der Flughafen nicht rechtzeitig fertig werden kann, dass er viel teurer wird als geplant und wahrscheinlich schon vom Tag der Einweihung (2014? 2015?) an jenseits der Belastungsgrenze operieren wird.

Aber wenn der Sachverstand mal greift, wird er vom Politmantra neutralisiert, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Bis einem die Probleme über die Ohren gewachsen sind. Warum? Nun: Privatwirtschaftliche Unternehmen müssten früh ihren Finanzplan anpassen, weil ihnen das Geld ausgeht – und die Geschäftsführer müssten mit neuen Geldforderungen zu den Gesellschaftern gehen oder zur Bank. Projekte wie der Hauptstadtflughafen würden spätestens bei der zweiten Mega-Korrektur des Zeit- und Kostenplans gestoppt. Die Bauträger müssten Insolvenz anmelden, die Bauruine könnte aus der Konkursmasse an einen neuen Investor verkauft werden.

Staatliche Bauträger hingegen verfügen – aller Krisenerfahrungen zum Trotz – zumindest in Deutschland noch über unbegrenzten Kredit. An große Projekte knüpfen sie nicht nur wirtschaftliche Erwartungen, sondern auch Prestige für sich und die Partei. Deshalb gibt es kein zurück. Kostenexplosion? Zahlen die Steuerzahler. Beschämende Terminverschiebungen? Mehr Zeit, um eine spektakuläre Einweihung zu planen. Ans Lächerliche grenzende Fehler der Bauleitung? Bei den Sitzungen habe ich gefehlt. Absehbare Engpässe vom Start an? Die zeigen doch nur, wie wichtig der neue Airport ist. Merke: Nicht nur den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

Hat sich eine staatliche Einrichtung – und da dürfen wir den staatlichen Infrastrukturbetrieb Bundesbahn immer noch einschließen – erst einmal für ein Projekt von Leuchtturmgröße entschieden, ist sie nicht mehr zu bremsen. Koste es, was es wolle: Geld, Ansehen, Anstand. Da werden selbst höchst zwielichtige Geldbeschaffer hofiert wie am Nürburgring.

Das Problem: Der Staat operiert im eigenen Saft; bis ein Rechnungshof schimpft, liegt das Kind im Brunnen. Vorher kontrolliert die Politik sich selber. Den Aufsichtsrat leitete in Berlin der Profi-Politiker mit Verwaltungshintergrund. Statt nach dem Desaster ganz von der Bildfläche abzutreten, übergibt er die Aufsichtsfunktion achselzuckend an den Biomediziner von der Hygieneinspektion. Und bleibt Regierender Bürgermeister. Die Lehre: Es fehlt eine fachlich versierte Aufsicht, die nicht der Politik verpflichtet ist, sondern dem Sachverstand und den Steuerzahlern. Am besten, der Staat hält sich aus betriebswirtschaftlichen Risiken ganz heraus (weil dieses Risiko dank der Steuerzahler nicht korrigierend wirkt). Fangen wir mal bei Projekten an, die auf mehr als hundert Millionen Euro kalkuliert sind – also die Kategorie Eurofighter, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie.

Noch ein Vorschlag: Die nach heutigen Erfahrungen verhinderten Mehrkosten fließen zunächst in die weltweite Reparatur des Ansehens von Deutschland als Technologiestandort. Dass wir offenkundig nicht mehr in der Lage sind, einen Flughafen zu bauen, dürfte dem Export mehr schaden als eine flächendeckende saftige Gehaltserhöhung.

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