Google ist nur vielleicht freundlich, aber gewiss ein Monopolist

Da ist sie schon wieder, heute in der ZEIT, die Anzeige von Google: „Finden Sie nicht auch, dass Sie weiterhin alles finden sollten?“. Eine ganze Seite, Print wirkt. Google nervt. Nein, nicht weil der Suchmaschinen-Monopolist seine Ansprüche an anderer Leute Arbeit verteidigt, sondern, weil Google behauptet, „dein Netz“ zu sein. Es ist diese Arroganz, die beweist, dass noch zu wenige Grenzen gezogen, zu viele Fragen unbeantwortet sind.

Google hat es geschafft. Neben Facebook, der weltmächtigen Plattform für Freunde und angebliche Freunde, ist die Suchmaschine zur Überplattform geworden. Diese eine Adresse genügt vielen Internetnutzern; sie ist das Sprungbrett in die Welt. Wer merkt sich schon andere http://www.irgendwas.blabla? Das spüren auch die professionellen Nachrichtenanbieter: Nur noch eine Minderheit der Leserinnen und Leser steuert deren Seiten direkt an, die meisten kommen über Google (etwa die Hälfte) und Facebook (10 bis 20 Prozent, steigend), professionelle Google-Lockvögel werden als SEO-Spezialisten umworben.

Zwischen Verlagen und Suchmaschine herrscht also ein zumindest zwiespältiges Verhältnis – Google freut sich über jede Suchanfrage, die andere Adressen überflüssig macht. Und die Verlage sind dankbar für das Publikum, das herbeigegoogelt wird. Strittig ist allerdings der Köder, den Google auslegt. Seine Nachrichtenseite spiegelt die aktuelle Weltlage in Kurznachrichten und kleinen Fotos. So kurz, dass auch Lesefaule nicht abgeschreckt werden. Und so lang, dass Eilige das Gefühl haben, auf die Schnelle umfassend informiert zu werden. Ohne den Klick zur ursprünglichen Quelle.

Google ist in diesem Fall keine Suchmaschine, sondern baut ein eigenständiges Produkt aus den Bausteinen anderer. Das Produkt ist in seiner Struktur nicht neu. Solche kurzen Versionen sind dem Publikum geläufig. In Magazinen lesen wir das ausführliche Inhaltsverzeichnis – und machmal genügt uns das, wenn die Zeit drängt; die Tagesschau schrumpft gut ein Dutzend Themen und das Wetter auf 15 Minuten (und gibt das – oft trügerische – Gefühl, rundum informiert zu sein), die „Times“ erfand gar die Fünf-Minuten-Seite: Das Wichtigste aus allen Ressorts auf einer Seite (inkl. einer unbedruckten Fläche: Raum für eigene Gedanken).

Deshalb ist die Freude der Zeitungen über die Unterstützung durch Google deutlich getrübt. Denn die Suchmaschine nimmt sich die Meldungen und stellt sie zu einem neuen Werk zusammen. Die Verleger, die für diese Inhalte bezahlt haben, erwarten von Google eine Art Lizenzgebühr (wie von jedem anderen auch, der auf diese Weise Geschäfte machen möchte – aber das tun weder Vereine noch Kommunen oder Blogger, die aus Online-Medien zitieren).

Google verteidigt seine Praxis beschwichtigend als Teil des üblichen Suchmaschinengeschäfts. Das ist zwar falsch, aber in eigener Sache zu lügen, ist zumindest nicht unüblich. Aber dass Google sich als Hüter der Internet-Freiheit aufspielt, ist eine Frechheit. Ausgerechnet Google. Gegen Geld verkauft die Suchmaschine ihre Trefferlisten, breitet sich in andere Dienste aus und treibt Politik. Mit viel Geld für Lobbyarbeit und dem Versuch, die Nutzer zu mobilisieren (15 Millionen Anfragen pro Tag in Deutschland geben Macht). Nicht für die Freiheit des Internet, sondern für die Interessen eines Milliardengeschäfts.

Dabei kann Google durchaus anders – und beweist es bei seinem Tablet-Angebot „Currents“. Hier umwirbt es die Verlage geradezu, als Inhalte-Partner an Bord zu kommen. Und bietet im Gegenzug: Werbeplätze. Bis zu 70 Prozent der verfügbaren Anzeigenflächen sollen den Verkäufern der Verlage zur Verfügung stehen, heißt es. Na: Geht doch. Aber warum geht es nicht in der Internet-Suchmaschine? Weil sie das Monopol verteidigt und Teilen nicht in ihr Geschäftsmodell passt.

Google ist kein freundlicher, uneigennütziger Helfer, und Facebook kein Freund, der viele Freunde kennt und zu Dir einlädt. Hier sind Giganten bei der Arbeit, die wachsen wollen um jeden Preis und dabei keine Freunde kennen – und keinen Respekt vor anderer Leute geistigem Eigentum. Hier sind Monopole entstanden, die wir auch noch als sympathisch empfinden, weil sie – anders als die Stromgiganten oder die frühere Telekom – kein Geld verlangen. Ihre Abzocke ist subtiler: Sie spionieren die Nutzer aus und verkaufen ihre Erkenntnisse über die intimsten Geheimnisse des Publikums.

Man kann darüber streiten, ob Google den Verlegern mehr nutzt als schadet. Aber ihr Streit um den Geldwert journalistischer Arbeit ist die erste Etappe auf einem langen Weg, den modernen Monopolisten ein Stück ihrer Macht und Arroganz zu nehmen.

Es sind große Fragen, die zu beantworten sind, und sie gehen weit über den Nachrichtenklau hinaus: Wer bricht die Macht der Internet-Monopole, ohne dem Netz seine Dynamik zu nehmen? Wo endet die Freiheit des Netzes? Und: Braucht eine demokratische Gesellschaft Qualitätsmedien oder genügt der Masse das Fastfood vom Roboter Google?

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