Wohlstand braucht Sicherheit – aber geliefert wird: Angst

Familie, Freunde, Wohlergehen - den Deutschen ist Wohlergehen wichtiger als Wohlstand.

Jetzt sind wir auch ein bisschen Bhutan. Zwar wird – anders als in dem kleinen Himalaya-Königreich – das Bruttosozialglück noch nicht mit Verfassungsrang ausgestattet. Aber immerhin hat der ehemalige BAT-Freizeit- und jetzige Zukunftsforscher Horst Opaschowski den Deutschen einen Nationalen Wohlstands-Index beschert. Und der deutet darauf hin, dass – oh Wunder! – Geld allein nicht glücklich macht. In den Wohl-Stand ist Bewegung gekommen; Wohl-Ergehen und Wohl-Fühlen sind die Themen, die uns umtreiben. Die Deutschen wollen sich sicher fühlen, sich keine Sorgen um die Zukunft machen und gut drauf sein. Warum nur wird uns ständig Angst gemacht?

Der Wohlstands-Index ist noch neu, aber er zeigt schon, dass Deutschland unzufrieden ist, sobald über wirtschaftliche Fragen hinaus gewertet wird. Nur 42,4 von 100 Wohlstandspunkten ermittelten die Forscher um Opaschowski und das Institut Ipsos. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Deutschen sich nicht sicher fühlen. Kein Wunder – momentan regiert die Angst.

Angst macht den Regierungen den Umgang mit ihren zu Regierenden leichter – zumindest vorübergehend. Das ist ganz besonders in der aktuellen Diskussion um Euro und Europa zu verfolgen. Die herabhängenden Mundwinkel der Kanzlerin prägen das Gesicht der Krise. Optimismus sieht anders aus. Der Vorteil für die Politik liegt auf der Hand: Je schlimmer die Krise, desto größer die Bereitschaft, Opfer zu bringen. Es ist wie bei einer schweren Krankheit: Hauptsache, es hilft.

Da nimmt Deutschland für seine Krisenpolitik – bis heute – sage und schreibe 390 Milliarden Euro neue Schulden auf. Das ist mehr als das Volumen des Bundeshaushalts 2012.  Und es regt sich kein Widerstand. Im Gegenteil: Die dafür verantwortliche Kanzlerin erntet bei den Bundesbürgern wachsende Zustimmung. Und es geht um mehr als Milliarden: In dem Klima der Angst werden demokratische Prozesse beschnitten, Staatsverträge missachtet, eherne Regeln gebrochen – und kaum einer wehrt sich.

Das gilt nicht nur für den Euro. Als die Sorge um Europa noch kleiner war, wurde der Welt Angst gemacht, das Klima gerate aus den Fugen.  Bald schon. Zwar spielt ökologisches Wohlergehen bei den Deutschen momentan keine große Rolle. Aber die Milliarden-Rechnung für die Klimapolitik zahlen wir treu und brav. Denn die Öko-Lobby ist mittlerweile stärker als die einst so einflussreichen Energieriesen. Wie sonst lässt sich erklären, dass das EEG, das unseren Strom rasant verteuert und eine falsche Entwicklung fördert, nicht sofort radikal umgebaut wird? Dass immer noch Milliarden Euro in den Ausbau von Photovoltaik und Bio-Strom gepumpt werden, obwohl beides nachhaltiger Unsinn ist? Angesichts dieser Unfugs-Dimension kann das Ende der Glühbirne ohne gesundheitlich und ökologisch sinnvollen Ersatz nur eine Randnotiz sein. Und warum machen wir den Unsinn mit? Ganz einfach – die einen machen ihn mit, weil sie damit prächtig verdienen. Und die anderen, weil sie Angst davor haben, dass die Welt aus den Fugen gerät.

Krisenpolitik ist Stimmungsmache. Die Folgen sind allerdings schon zu besichtigen. Wenn alle Entscheidungen eilig sind und ohne Alternative, stirbt die politische Auseinandersetzung um die beste Lösung. Das Diskussionsklima ist vergiftet, weil nicht konstruktiv gestritten, sondern nur schwarz-weiß, Paradies oder Hölle argumentiert, in Hinterzimmern entschieden und unter Fraktionszwang entschieden wird. Fehler werden zwar irgendwie ein bisschen eingestanden, aber nicht korrigiert, weil sich inzwischen unglaublich erstarkte Interessensgruppen an den Milliarden festgebissen haben.

Das tötet auch das letzte Interesse an demokratischer Willensbildung. Die Parteisoldaten werden auf Stromlinie getrimmt; aufrechte Widerständler werden ins Abseits gedrängt und nur bei Bedarf vorgezeigt wie die Mango im Kartoffelacker. Immer mehr Menschen wenden sich vom Politikbetrieb ab; übrig bleiben die Angepassten. Ein Teufelskreis.

Die Diskussion über mehr Bürgerbeteiligung, die im Gefolge von Stuttgart 21 entflammte, wird nicht mehr fortgesetzt. Im Gegenteil: Statt einen breiten gesellschaftlichen Konsens zur Energiewende anzustreben, werden Einspruchsverfahren gegen neue Stromtrassen gekappt. Und zur Frage der künftigen Gestalt Europas wird es sicher nie eine Volksabstimmung geben. Dafür vertraut man sich gegenseitig zu wenig. Die Regierungen und ihre Gefolgschaften in Verbänden und Top-Management haben sich in der Krise von den Regierten weit entfernt.

Fast scheint es, als würde die Politik den Menschen nicht nur Angst machen, damit sie gefügig bleiben, sondern auch, um sie auf Distanz zu halten. Dabei verlangen die Deutschen überhaupt nicht viel. Ein sorgenarmes Leben im Kreis von Familie und Freunden, soziale Sicherheit und Wärme. Vertrauen. Die Wirklichkeit sieht anders aus – der nationale Wohlstands-Index beträgt 42,4 von 100 möglichen Punkten. Jede Menge Luft nach oben.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.