Die bunten Fundamente der deutschen Seele

Literaturkritik passt eigentlich nicht in dieses Format. Aber momentan wird in ganz Europa so viel über „die Deutschen“ gesagt und geschrieben, dass es sich lohnt, mal intensiv über „das Deutsche“ nachzudenken. Eine klasse Denk-Anleitung dazu liefert das Buch „Die deutsche Seele“. Deshalb stelle ich es hier vor:

Waldeinsamkeit: "Im deutschen Wald darf das Obskure seine phantastischsten Blüten treiben". Der Deutsche und sein Wald, der Deutsche und sein Waldsterben ...

An (Vor-)Urteilen über „die Deutschen“ herrscht kein Mangel in diesen Tagen. Vor allem im Ausland. Die Krise macht uns wahlweise zu Sparstrümpfen, Musterschülern, emsigen Arbeitern ohne große Forderungen an Lohn und Lebensfreude, peniblen Planern, Besserwissern u. s. w. Das ist die Außensicht. Aber wie sehen wir Deutschen selbst „das Deutsche“? Antworten darauf leiden unter der Last der jüngeren Geschichte; eine Minderheit schreit, die Mehrheit schweigt. Unverkrampft und unterhaltsam hingegen nähern sich die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn und der Schriftsteller Richard
Wagner dem Thema – sie haben sie erkundet, „Die deutsche Seele“, und ihre Entdeckung auf knapp 600 Buchseiten zusammengefasst.

Die Deutschen mögen das Buch offenkundig – und das nicht nur zur Weihnachtszeit: Der Wälzer steht immer noch in der Spitzengruppe der Sachbuch-Bestsellerlisten. Woran es liegt? Wahrscheinlich, weil sich dieser dicke Band in aller Öffentlichkeit schmunzelnd mit einem Thema beschäftigt, das in den vergangenen Jahrzehnten keine Konjunktur hatte: der deutschen Identität.

Was das an Alter und Werken ungleiche Autorenpaar Dorn-Wagner uns serviert, ist (zum Glück) keine wissenschaftliche Analyse, die zu gelehrten zentralen Thesen führt. Die beiden laden ihre Leser zu einem Spaziergang ein durch deutsche Geschichte und Literatur und besichtigen die Fundamente dessen, was uns als Volk charakterisiert – ob es uns passt oder nicht.

"Wie kommt ein Fluss dazu, Vater zu werden?" So beginnt ein faszinierendes Kapitel über "Vater Rhein".

Die „deutsche Seele“ dieses Buches steckt in mehr als 60 Stichwörtern, zu denen die Autoren kluge  Gedanken aufgeschrieben haben, Dichter und Denker zu Wort kommen lassen, viele überraschende Fakten servieren. Der typisch deutsche (?) Ordnungsfreund wird sich Seite für Seite durcharbeiten von A wie Abendbrot bis Z wie Zerrissenheit. Mehr Spaß macht es aber, bei einem beliebigen Kapitel einzusteigen, sagen wir mal: Gemütlichkeit, und sich dann von den Verweisen am Schluss auf verwandte Themen (hier u. a. Feierabend, Strandkorb, Vereinsmeier, Weihnachtsmarkt) treiben zu lassen – das ist literarisches Lustwandeln und Lernen auf hohem Niveau. Beispiel „Abgrund“: „Klüfte, Schlüfte, Schlünde, Grüfte – die deutsche Sprache läuft zur Höchstform auf, wenn es darum geht, das Bodenlose in den Griff zu bekommen“.

Am Ende steht die „deutsche Seele“ nicht als Masterplan da – etwa für den gehorsamen, fleißigen, pflichtbewussten, am Leben schwer tragenden, tief- bis trübsinnigen Deutschen, den Griechen und Spanier sehen mögen (und der ja auch ins uns steckt – auch!). Sondern wir erblicken eine kunterbunte Vielfalt. Und die passenden Erklärungen dazu. Etwa warum wir so protestantisch-pflichtbewusst fleißig sind, aber dennoch Strandkorb und Vereinsleben lieben, dem Wald erliegen und dennoch die Natur ausbeuten, warum wir den Rhein als Vater verehren und die Hügel an seinen Ufern Mittel-„Gebirge“ nennen, Bergfilm, Kindergarten und Kirchensteuer erfunden haben; das alles wird uns beigebracht.

Das ist trotz des Umfangs überhaupt nicht anstrengend, sondern anregend – vor allem zum Nachdenken anregend; ein Lesebuch, das Lesepausen verlangt. Hier wird nicht „die deutsche Seele“ analysiert, hier wird ihre vielfältige Herkunft kartographiert. Auch wenn vielleicht das eine oder andere Stichwort fehlen mag oder einige Eigenschaften sicher nicht nur typisch deutsch sind: Am Ende hat jeder seine eigene Seele und ihre Wurzeln wiedererkannt und verblüfft festgestellt, wie groß die Übereinstimmungen sind mit „dem Deutschen“.

Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele; Knaus, 560 Seiten, 26,99 Euro

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