Wir verleihen Milliarden – und keiner merkt’s

Nach und nach wenden sich inzwischen auch die überregionalen Zeitungen einem spannenden Thema mit dem langweiligen Namen „Target 2“ zu. Unter dieser Bezeichnung geht die Europäische Zentralbank in Vorleistung, wenn
Nationalbanken ihren einheimischen Unternehmen internationale Einkäufe auf Pump ermöglichen. Die Deutsche Bundesbank verbucht unter „Target 2“ ein Saldo von minus 500  Milliarden Euro. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ nennt das „Die Zeitbombe der Bundesbank“.

Dagegen nimmt sich nämlich der deutsche Anteil an den Rettungsschirmen bescheiden aus. Momentan ist der Überziehungskredit (Spanien: 150 Milliarden Euro, Irland: 120, Griechenland: 100, Portugal: 60) noch kein Problem. Aber spätestens wenn Griechenland die Eurozone verlässt, platzen die Kredite (über das System habe ich mehrfach geschrieben, zuletzt im November). Es kann schon vorher zur Krise kommen, wenn die Bundesbank ihre Kreditlinie ausgereizt hat. Die F.A.S. berichtet, dass die Bundesbank schon im Dezember die Kredite an deutsche Geschäftsbanken gegen Null gefahren hat – als Ausgleich für Target2. Wenn dieses Werkzeug, das momentan die Wirtschaft der armen Länder ordentlich schmiert, ausfällt, könnte das ganze Eurosystem zusammenbrechen, heißt es. Das Risiko der deutschen Steuerzahler liegt bei etwa einem Drittel (und entspricht dem Anteil an der EZB). Aber kein Politiker hat das genehmigt, es gibt keine politischen Grenzen – wir verleihen Hunderte Milliarden. Und keiner will es sehen.

Allerdings: Bisher haben uns weder der Target2-Tarn-Rettungsschirm noch die offiziellen Rettungsaktionen für den Euro (und die Eurozone und unsere Exportwirtschaft) etwas gekostet. Im Gegenteil: Es gibt einen Zinsgewinn. Wir verleihen die Milliarden deutlich teurer als wir das Geld am Kapitalmarkt kriegen. Aber das Risiko wächst mit jedem
Rettungsschirm, und die EZB tut, was sie nach deutschem Willen nie hätte tun sollen: Sie kauft Staatsanleihen (schon für 220 Milliarden Euro) und füttert die Banken mit Billiggeld (zuletzt im Dezember mit 500 Milliarden).

Noch ist alles gut gegangen. Aber ich bin sicher, in Griechenland werden wir erstmals bluten. Die Nachlässe des Privatsektors werden niemals ausreichen; also werden auch unsere staatlichen Forderungen (bei der EZB sind wir mit knapp 30 Prozent dabei) – sagen wir mal – halbiert. Futsch.

Die Kanzlerin wird das einpacken in viel Gerede über eine Fiskalunion und den antidemokratischen Unsinn von Sparkommissaren. Aber zum einen sparen sich die Südländer heute schon zu Tode. Zum anderen: Warum sollen neue Sparversprechen besser wirken als der missachtete Stabilitätspakt?

Unterm Strich wird auch Frau Merkel akzeptieren, dass die EU eine Art Länderfinanzausgleich bekommt mit Deutschland als größten Zahler –
aber wir sind ja auch der größte Profiteur. Da bringt es nichts, sich zu zieren
und die guten Gaben in neuen Sparpakete zu verstecken. Was wirkt, ist Ehrlichkeit:
Wie viel müssen wir zahlen? Was bringt es? Und in diese Rechnung muss alles
rein – auch die gut versteckten Target2-Salden. Die Zeitbombe tickt.

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