Weltwirtschaftsforum: Die Böcke werden Gärtner

 

Der Glaube, dass freie Märkte alle Wellenbewegungen selbst ausgleichen, ist erschüttert. Selbst Manager und Investoren fordern neue Regeln für den Kapitalismus. Sie fürchten, dass soziale Ungerechtigkeit wie eine Sturmflut die Stabilität des Systems zerstört.

Es ist die Schwalbe, die noch keinen Sommer macht. Aber immerhin: Es ist eine Schwalbe.

Beim Forum der Weltwirtschaft in Davos, da wo’s meist darum geht, von oben herab Macht und Vermögen zu sichern, wird von Gerechtigkeit geredet. Besser: Es wird über den Mangel an Gerechtigkeit in der Welt diskutiert, und das durchaus eigensinnig. Denn dass der Wohlstand ungerecht verteilt ist, bedroht nach Ansicht einer Mehrheit von Managern, Bankmenschen und Investoren ihr Heiligstes: das Wirtschaftswachstum.

Noch steht das Thema nicht im Fokus, aber in den nächsten Jahren wird sich das vornehme Treffen immer stärker darum drehen, den Kapitalismus zu zähmen – die Böcke wollen Gärtner werden, um unsere Weide zu retten.

Die anhaltende Krise hat uns allen wichtige Erkenntnisse gebracht:

– Die Spitzen von Staat und Wirtschaft kriegen nicht immer alles in den Griff.

– Auch in Interessensverbänden und Staatenbünden denkt am Ende jeder nur an sich.

– Freie Märkte haben viele Vorteile, aber sie regeln nicht alles von selbst.

– In demokratischen Staaten liefern Regierungen sich häufig jenen aus, die ihre Wahlgeschenke finanzieren.

– Nur in größter Not sind Politiker bereit, über Grenzen und Generationen hinweg zu handeln.

Diese Erkenntnisse haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen in die handelnden Personen von Politik und Wirtschaft und das Vertrauen in die Mechanismen von Demokratie und Gesellschaft nachhaltig gestört. Das ist der wesentliche Grund für die Krise. Nicht einmal die Führer der Wirtschaft und die Bankiers vertrauen noch auf eine Selbstheilung des Marktes; sie glauben auch nicht dass die Regierungen den richtigen Weg finden und ihn rasch beschreiten – ihresgleichen trauen sie ohnehin nicht mehr.

Dieser Vertrauensverlust muss geheilt werden, damit eine freie Wirtschaft sich entfalten kann. Aber wie? In Zeiten der Blöcke und des Kalten Krieges konnten die Fehler des Systems noch leicht überspielt werden durch den Hinweis auf die viel größeren Macken des Sozialismus, häufig sogar von der Angst vor Krieg. Heute haben selbst die Chinesen den Kapitalismus für sich entdeckt – Probleme des Systems wirken also global. Die Angst vor dem Crash ist größer als die Angst vor einem Krieg. Leider ist ein alternatives, besseres Wirtschaftssystem nicht in Sicht. Also muss der Kapitalismus renoviert werden.

Führende Wirtschaftswissenschaftler und Top-Unternehmer scheuen sich nicht mehr, auf einen Mangel an Gerechtigkeit hinzuweisen. Sie meinen damit nicht mehr nur Chancengerechtigkeit, sondern tatsächlich Verteilungsgerechtigkeit. Der Sieg des Kapitals über die Arbeitskraft war vernichtend, unglaubliche Geldsummen rasen um die Welt auf der Suche nach Rendite, die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt in der Krise noch zu; die Mächtigen sind zu Recht in Sorge.

Revolutionär klingen Forderungen, die in Davos –noch  eher am Rande – selbst von Milliardären erhoben und von beeindruckenden Manager-Mehrheiten unterstützt werden: Die Regeln des Kapitalismus radikal überarbeiten. Ansonsten fürchten sie, dass soziale Ungerechtigkeit die Welt ins Wanken bringt – und dann ist kein Geschäft mehr zu machen. Was sich die Investoren und Analysten wünschen, ist Stabilität. Die Mehrheit von ihnen hat erkannt, dass es Stabilität nicht dauerhaft geben kann, ohne Veränderungen.

In der Politik wird diese Entwicklung mit Spannung verfolgt, aber noch zu wenig getrieben. Nicht jeder zieht schon die richtigen Konsequenzen. Aber dass der
aussichtsreiche amerikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney nicht mal
mehr in den USA mit seiner „Jeder ist sich selbst der Nächste“-Variante von
sozialer Gerechtigkeit durchkommt, zeigt, dass der Trend längst globalisiert  ist.

Natürlich geht es nicht darum, sozialistisch Wohlstand zu verteilen. Der Kommunismus bleibt beerdigt. Aber die Finanzmärkte müssen so reguliert werden, dass die Geldströme nicht mehr so gewaltig viel größer sind als die Ströme der Waren und Dienstleistungen. Es muss gewährleistet sein, dass Zocker alleine das Risiko tragen – sonst müssten auch ihre Gewinne an die Steuerzahler verteilt werden. Es darf weder Banken noch sonstige Unternehmen geben, die nach Fehlern gerettet werden müssen, weil die Welt sie so nötig braucht. Ganz einfach: Auch Riesen sollen sterben, wenn die Zeit reif ist. Weil neue Unternehmen sonst nie eine Chance hätten. Regierungen müssen nicht nur
konsequent ihre Parlamente entscheiden lassen (was zurzeit manchmal lax
gehandhabt wird – was hat eigentlich das Europäische Parlament in Sachen Krise bisher entschieden?), sondern in wichtigen Fragen auch die Bürger direkt einschalten
– geeignete Modelle sind vorhanden.

Der Grundsatz der Gerechtigkeit muss international gelten – Gerechtigkeit ist wie Freiheit nicht teilbar. Auch die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern haben das Recht, fair behandelt zu werden und ihren Anteil am Wohlstand erarbeiten zu können. Das gilt vor allem für die Verteilung der natürlichen Ressourcen, von Öl und Gas über Erze und Äcker hin zu Wasser und sauberer Luft.

Vielleicht wird das Treffen der Weltwirtschaft in Davos 2012 einmal rückblickend als das Ereignis gefeiert, das den Wandel des Kapitalismus angestoßen hat. Dann hätte es auch in den kommenden Jahrzehnten noch die Aufmerksamkeit der Welt redlich verdient.

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