Wie viel Euros ist Europa wert?

Was bleibt von Europa, wenn der Euro scheitert? Ist die EU wirklich nur dann lebensfähig, wenn die Zeiten gut sind?

Was bleibt von Europa, wenn der Euro scheitert? Ist die EU wirklich nur dann lebensfähig, wenn die Zeiten gut sind?

Irgendwann hat es sich ausgerettet. Die Griechen, die Iren, die Portugiesen, demnächst vielleicht Italiener, Spanier und Franzosen und überhaupt der Euro, die ganze Währung. Koste es, was es wolle? Wollen wir noch? An diesem Punkt stehen wir. Deshalb wird das nächste Fass aufgemacht. Nicht einzelne Länder, nicht der Euro, sondern Europa muss gerettet werden sagt die Kanzlerin, um Zweifler in den eigenen Reihen zurück ins Glied zu bringen. Ob sie uns sagen kann, was sie damit meint, mit „Europa“? Was genau soll bewahrt werden – und zu welchem Preis? Dass Antworten auf diese Frage dürftig ausfallen, ist der Kern des ganzen Problems.

Für Helmut Kohl ist Europa die Erfüllung eines alten Traums. Seine Politikergeneration hatte die Antworten im Schlaf parat: Keine Grenzen mehr, kein Währungsumtausch, kein Krach, der in Krieg münden könnte. Sechs Jahrzehnte Frieden. Freiheit. Stabilität. Wohlstand. Ja: auch (!) Wohlstand.

Aber dieses „auch Wohlstand“ ist in den vergangenen Jahren nicht nur in den Mittelpunkt gerückt. Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand – auf diesen Dreiklang ist Europa reduziert worden. Was tun, wenn sich jetzt der Dreiklang reduziert? Wenn das Wachstum entfällt und Wohlstand sich verzehrt? Was bleibt dann von Europa? Nur leere Kassen, Schuldenberge, Rechnungen für künftige Generationen?

Jetzt wird sie wieder bemüht, die europäische Idee. Da herrscht auch Nachholbedarf. Politisch und gesellschaftlich ist die EU nicht weiter gewachsen. Abstimmungsprozesse sind zäh, Werte schwer zu vermitteln. Aber nur sie haben Bestand. Ein Wirtschaftsraum, eine Währung – und immer noch starke nationale Eigeninteressen, die bedient werden wollen. Das allein funktioniert in guten Zeiten, so lange es etwas zusätzlich zu verteilen gibt.

Jetzt herrschen andere Zeiten. Es gibt keine Extras mehr, jetzt geht es ans Eingemachte. Das muss erklärt werden: Warum sollen die Deutschen (und die Finnen und die Niederländer …) einen Teil ihres Wohlstand aufgeben? Warum sollen die Griechen und Italiener sparen, dass es kracht? Kurz und knapp: Wie viel Euros ist uns Europa wert?

Das muss uns die Politik erklären. Neu erklären. Den Blick weiten darauf, wie es in Europa aussehen würde ohne EU – aber bitte nicht nur kaufmännisch. Und wofür Europa in Zukunft steht, in einer Zukunft, die sich nicht mehr an kurzfristigen Lobby-Interessen orientiert wie in den vergangenen Jahren. Es geht um Themen wie Klimawandel, Rohstoffknappheit, Überalterung und die Verteilung des Wohlstands. Es geht auch um solche Fragen: Warum landen Bankengewinne bei Anteilseignern und Managern, die Verluste aber bei den Steuerzahlern?

Mit ihren Idealen, verwurzelt in der Angst vor Krieg, Diktatur und Not, haben die Väter der EU und der gemeinsamen Währung einen Kontinent in Bewegung gesetzt. Bis hin zu den Vereinigten Staaten von Europa schien alles möglich. Heute steht die EU unter dem Diktat des Geldmarktes, eine Bankenrettungs-Union, deren politische Möglichkeiten mit jeder neuen Schuldenmilliarde schrumpfen. Politische Ideale werden in Geiselhaft gehalten: Das beste Beispiel ist die Idee einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung, die nicht demokratisch entwickelt, per Bürgerbeteiligung umgesetzt wird, sondern aus der Not heraus entsteht, erzwungen durch Banken und Fonds.

Europa ist nicht mit Milliarden zu retten, sondern durch Ideen, die begeistern und befreien, Spielraum schaffen. Gefragt sind Programme, die viel, viel mutiger und größer sind als die Winzlinge, die aus den Kaminrunden von Merkel und Sarkozy stammen. Die Krise bietet Chancen zum Neubeginn, die Visionen der Nachkriegszeit zu renovieren, zu ersetzen. Jetzt braucht es neue Ideale, neue Vorstellungen dessen, was die Europäische Union auch dann noch ausmacht, wenn die letzten Rettungspakete geleert sind. An dem, was danach übrig bleibt an europäischen Werten, gemeinsamen Interessen und Zielen, werden die Europäer messen, wie viel Euros ihnen Europa wert ist.

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