Nur auf dem Gipfel ist das Klima prima

Wer zufrieden sein will, hat verschiedene Möglichkeiten. Hart arbeiten, zum Beispiel. Besonders wirkungsvoll und mit wenig Aufwand verbunden ist: Ansprüche verringern, wenig erwarten. Das führt zwar nicht zu den besten Ergebnissen, verdirbt einem aber am Ende auch die Laune nicht. Die Teilnehmer des Klimagipfels in Cancún haben das erkannt und feiern jetzt überschwänglich einen Mini-Erfolg, den nur erkennen kann, wer lange genug durch die Diplomaten-Lupe guckt.

Seit 18 Jahren veranstalten die Vereinten Nationen ihre Gipfel zur Rettung der Welt vor dem Klima-Kollaps. Einige der Schauplätze dieser Mammutversammlungen haben wir wegen ihrer Ergebnisse in Erinnerung behalten: Rio, Kyoto. Kopenhagen merken wir uns als unrühmlichen Abschied von der Weltrettungs-Idee. Ab sofort wird nicht mehr gerettet, sondern Schaden begrenzt. Cancún war folgerichtig nicht mehr emotional aufgeladen, die Hoffnungen waren gering, die Erwartungen gleich Null – und sie wurden erfüllt.

Was müssten solche Gipfel eigentlich festlegen? Im Grunde geht es nur um zwei Fragen:

1. Welches Land darf wie viel Kohlendioxyd erzeugen? Für die Industrieländer, die ihren Anteil schon mehrfach in die Luft geblasen haben, wäre das der Zwang zum sofortigen Einstieg in eine Epoche ohne Öl und Kohle. Die Schwellenländer müssten heftig auf die Bremse treten. Teuer wird es für beide. Und bedrohlich für den gerade erst neu beginnenden Aufschwung. Also: keine Entscheidung.

2. Wer zahlt den Einstieg der Entwicklungsländer ins Öko-Zeitalter und hilft ihnen, sich vor den Folgen des Klimawandels (Ernteausfälle, Überschwemmungen, Trinkwasserknappheit …) zu schützen? Da hat Cancún immerhin eine Summe festgelegt: 100 Milliarden Dollar pro Jahr ab 2020. Die Rechnung ist gestellt. Fehlt nur noch eine Kleinigkeit: Wer bezahlt sie? Entscheidung offen.

Fazit: Cancún gibt uns auf diese beiden wesentlichen Fragen keine Antwort. Zumindest keine, die all die Zufriedenheit rechtfertigt, die allerorten ausgebrochen ist. Immerhin hat der Gipfel entschieden, dass die Erde sich – verglichen mit der Temperatur vor der Industrialisierung – nur um zwei Grad erwärmen darf. Ein Ziel, das völlig utopisch ist ohne weitere Emissionskürzungen. Die wurden nicht beschlossen. Aber das Klima reagiert nur auf Schmutz-Abbau, nicht auf UN-Beschlüsse.

Dabei gibt die Mehrheit der Gipfelteilnehmer ihre Überzeugung zu Protokoll, dass das Klima bereits unreparabel geschädigt ist. Dass kaum zehn Jahre bleiben, um das Schlimmste zu verhindern. Aber am Ende feiern alle, wie unser Bundesumweltminister es formulierte, einen „bedeutenden Schritt für die Wiederbelebung des internationalen Klimaschutzes“. Der demnach immer noch tot ist. Nur auf dem Gipfel ist das Klima prima.

Aber warum applaudieren dann in trauter Eintracht Politiker und Umweltschützer? Weil sie im Spiel bleiben. Weil es weitere Gipfel geben wird und weitere Vorbereitungskonferenzen und weitere Forschungsaufträge und Fördergelder. Weil es mittlerweile genügt, winzige diplomatische Schrittchen zu gehen, um einen Gipfel erfolgreich zu machen. Man muss halt nur seine Erwartungen weit genug senken, um zufrieden zu sein.

Und – seien wir ehrlich: Auch wir sind zufrieden. Denn solche Ergebnisse werden weder den Sprit verteuern (das erledigt die Verknappung des Angebots von selber) noch uns dazu zwingen, die Wohnungen und Häuser besser zu dämmen. Wir sollten also nicht allzu laut um fehlende Beschlüsse trauern – es sind unsere Vertreter, die sich gedrückt haben. Weil sie sicher sein können, dass ihre Wähler das zu schätzen wissen.

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9 Kommentare zu Nur auf dem Gipfel ist das Klima prima

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