Der neue Perso: Ausweis für leere Welten

Deutsche im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes, die das 16. Lebensjahr vollendet haben und nach den Vorschriften der Landesmeldegesetze der allgemeinen Meldepflicht unterliegen, sind verpflichtet, einen Personalausweis zu besitzen …

Wer war zuerst da - Henne oder Ei. Das alte Dilemma wird momentan beim neuen Perso deutlich. Der kann alles: einkaufen, verwalten, überweisen, Verträge schließen. Könnte. Leider fehlt es noch an den passenden Angeboten.Bis vor wenigen Tagen war der „Perso“ noch ein Dokument zum Anfassen, ein greifbarer Beweis: Schau her! Das bin ich! Oder wie es das „Personalausweisgesetz“ verlangt: Etwas, das man einer Behörde „vorlegt“. Oder wenigstens ein Party-Gag, wenn zu vorgerückter Stunde die „Pass“-Bilder mit dem Original verglichen werden. All das hat der gute alte Perso hervorragend erledigt – und das für unter zehn Euro. Der Neue kostet gut das Dreifache. Und was kann er besser? Die Antwort auf diese Frage ist auch nach der offiziellen Einführung des e-BPA noch nicht schlüssig. Der Schlüssel liegt im Nutzen. Wer einen neuen BPA hat, für den soll sich die Gebühr auszahlen. Aber so weit ist es noch lange nicht.

Die Bundesregierung hat es noch am einfachsten. Sie argumentiert hoheitlich. Abgekürzt: Der neue Ausweis soll es noch schwieriger machen, sich eine falsche Identität zu besorgen. Vorteil: Staat. Rechnung: Bürger. Ja, die Rechnung. Die wird uns in den kommunalen Verwaltungen präsentiert. Dort wird für den Neuen ein höherer Aufwand getrieben. Im Gegenzug steigt der Rathaus-Anteil an der Ausweis-Gebühr aber auch ordentlich von unter einem auf sechs Euros.

Bis hierhin zahlt sich der e-Perso also für die Sicherheitsbehörden aus, wahrscheinlich für die Bundesdruckerei als Millionenauftrag und vielleicht noch für die Kommunen. Aber für das „Personal“, das sich damit ausweisen soll? Noch nicht. Den Mehrkosten steht noch kein Mehrwert gegenüber.

Das ist das größte Problem mit dem elektronischen Dokument. Es wirkt in jedem Fall zu teuer. Vielleicht auch unsicher. Und nutzlos. Die Welt, zu der uns der neue Perso Zutritt verschaffen soll, ist noch wüst und leer.

Dabei sollte sie doch längst bevölkert sein mit e’s wie e-Government, der elektronischen Behörde, die nicht mehr Kilometer, kahle Wartebereiche, harte Stühle und abgenutzte Resopaltische weit entfernt ist, sondern nur noch einen Mausklick. Zack, anmelden. Zack, abmelden. Zack, Lohnsteuerkarte. Klick, klick, klick. Ist aber nicht. Wasser, Abwasser, Gas, Strom – alle wollen Papier und schicken Papier zurück.

Wenigstens bei einem e klappt es. Beim e-Commerce. Aber der funktioniert völlig ohne e-Perso. Meist genügen Adresse und Lastschrift, immer tut es die Kreditkarte. Schiefgegangen ist bei mir noch nie was. Gut möglich, dass es Glück war und der neue Ausweis die Sache zwischen mir und dem Versandhandel sicherer macht – weil sich die Schlüssel auf beiden Seiten vertraut machen miteinander.

Aber dazu muss zuerst mal ein Lesegerät her. Mehr als eine Million will die Bundesregierung unter ihr Volk bringen – als Teil des Konjunkturpakets. Ausbreitung von „Elektronikschrott“ nennen manche Experten die Aktion, weil selbst das Konjunkturpaket nur für die billigste Geräteklasse genügte.

Immerhin sind erste Nutzen-Ansätze zu bewundern. Zeit ist Geld, und wenn alles funktioniert, ist vielleicht so viel Zeit zu sparen, dass sich sogar die Investition in die richtig sicheren Kartenleser lohnt (so um die 150 Euro). Etliche Versicherungen, von Allianz bis Provinzial, akzeptieren den Online-Schlüssel, der auf (in!) jedem neuen Ausweis liegt (und der anfangs sogar kostenlos aktiviert wird). Naja – und ab März soll das Finanzamt seiner elektronischen Steuererklärung ELSTER auch das Fliegen mit BPA beigebracht haben. Viel mehr Zeit ist aber vorerst noch nicht zu sparen.

Es wird noch eine Weile dauern, bis die großen Reise- und Shoppingportale mit von der Partie sind (und schlüssig darlegen können, warum es so viel sicherer ist, wenn Name/Mailadresse und Passwort jetzt durch Lesergerät und sechsstellige PIN abgelöst werden). Es ist das typische Henne-Ei-Problem. Den neuen Ausweis haben wir als Ei ins Nest gelegt bekommen. Jetzt fehlen die Hennen, die das Brutgeschäft betreiben und weitere Eier legen: Kommunen, die Bürokratie durch flotte Online-Schalter ersetzen, Ver- und Entsorger, die Service per Klick anbieten. Mehr Unternehmen, die den Ausweis-Schlüssel akzeptieren und ihre Dienste komplett im Internet abbilden. Und Computer, die serienmäßig einen BPA lesen können.

Irgendwann wird die Kosten-Nutzen-Analyse positiv ausfallen. Bis dahin legen wir drauf, weil uns zu lange ein e vorgemacht, aber ein Brief geschickt wurde.

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