Den Deutschen gehen die Denker aus

Fahrzeuge und Maschinen - das ist typisch deutsch. Aber wer entwickelt und baut die Exportschlager von morgen? Schon heute leiden die Unternehmen, die den Export beflügeln, unter einem Mangel an Nachwuchs-Ingenieuren.

Fahrzeuge und Maschinen - das ist typisch deutsch. Aber wer entwickelt und baut die Exportschlager von morgen? Schon heute leiden die Unternehmen, die den Export beflügeln, unter einem Mangel an Nachwuchs-Ingenieuren.

Manchmal sind Nachrichten nicht ganz eindeutig. Was sich auf den ersten Blick als erfreulich darstellt, weckt bei genauerer Betrachtung manchmal Skepsis. So geht es mir mit der SHELL-Jugendstudie. Noch nie waren so viele junge Deutsche so optimistisch, tatendurstig und zufrieden (auch mit ihren Eltern) wie heute. Denen vertrauen wir gerne die Zahlung unserer Renten und Pflegebeiträge an, denke ich. Aber: Noch nie war die Kluft zwischen den aufstrebenden Mittel- und Oberschichtlern auf der einen und den bildungsfernen Fernguckern und Computerspielern so groß. Die Lösung dieses Problems duldet keinen Aufschub, bis wir gut 50-jährige Ex-Babyboomer als Rentnerbauch in den Ruhestand gehen. Denn heute schon, JETZT! prognostizieren die Unternehmen neben immer mehr Wachstum einen so großen Mangel an klugen Köpfen, dass sie eben jenes Wachstum in Gefahr sehen. Und mit ihm all den schönen Optimismus.

Der Mangel an Fachkräften hat längst das Stadium einer düsteren Prognose verlassen. Zwar verfügt Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor über die zweitgrößte Ingenieursdichte (nach Finnland) – aber der Nachwuchs bleibt aus, sagt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Im Juli 2010 fehlten den Hochtechnologiefirmen 36.800 Ingenieure. Und die Lücke wächst: Die Ingenieure und Wissenschaftler, die in den kommenden Jahren altersbedingt ausscheiden, können nicht ersetzt werden.

Der Blick auf den Export, der momentan nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern als Lokomotive auch den Rest der EU schleppt, gibt aus diesem Winkel durchaus Anlass zu großer Sorge. Motor der Ausfuhren ist in der deutschen Industrie nicht die Spitzentechnologie (Firmen, die mehr als 5 % ihrer Kosten in Forschung und Entwicklung stecken), sondern die Hochwertige Technologie (Anteil Forschung und Entwicklung an Produktionskosten: 2 bis 5 %). Im Fahrzeug- und Maschinenbau ist Deutschland so sehr spezialisiert wie kein anderes europäisches Land. Im Verarbeitenden Gewerbe beschäftigt die Hochtechnologie die Hälfte aller Mitarbeiter.

Der Exporterfolg liegt – trotz der Sparsamkeit der vergangenen Jahre – eben nicht allein in wettbewerbsfähigen Kosten, sondern in der Innovationsfähigkeit: Neue Produkte entwickeln und auf dem Markt bringen. In vielen Unternehmen stellen Ingenieure ein Drittel der Belegschaft. Noch. Es fehlt Nachwuchs. Diese Entwicklung ist schon 2007 sichtbar: Weniger als ein Viertel der Ingenieure ist jünger als 35 Jahre – in Spanien die Hälfte, in Belgien 40 %, in Frankreich und Großbritannien ein Drittel bzw. 29 Prozent. Schon heute ist in den Unternehmen ein Engpass programmiert – dass der Export von Hochtechnologie weiter wächst, dürfte das Problem verschärfen.

Ein Blick in die Vergangenheit der Hochschulen vergrößert die Sorgen: Auf 1000 erwerbstätige Ingenieure kommen in Deutschland (2007) nur 35 technische Abschlüsse – und darunter sind noch 15 Prozent Studierende mit ausländischem Pass, die häufig nach dem Studium das Land verlassen. Letzter Platz für den Export-Vizeweltmeister. Tschechien führt die Liste an mit 214, Italien liegt bei 147, Frankreich und Großbritannien bei 73 und 72. Holland schafft es mit 43 noch vor das Schlusslicht Deutschland.

An den Schulen kann es dieses Mal nicht liegen, sagt die Studie. Die deutschen 15-Jährigen können in Sachen Naturwissenschaften gut mithalten. Aber sie fangen entweder kein naturwissenschaftliches Studium an (die Technikfreundlichkeit der 70er und 80er Jahre ist ohnehin großer Skepsis gewichen, die sich auch auf die Studienwahl auswirkt), oder sie brechen zu häufig ab. Und: Zu selten entscheiden sich Frauen für ein naturwissenschaftliches Studium. Der Anteil der weiblichen Ingenieure beträgt in Deutschland nur 15 Prozent (Schweden: 25 %). Und unter den Absolventen stellten 2007 die Frauen lediglich 22,3 Prozent (Polen: 33,4, Spanien: 33 %).

Die Lösungsansätze liegen auf der Hand: Die Kids in der Schule mit Technik vertraut machen und ihnen die Technik lustvoll als spannendes Abenteuer erklären. Nicht voller Skepsis als notwendiges Übel. Mädchen nicht nur am „Girl’s Day“ in die technischen Betriebe schicken. Duale Studiengänge ausbauen, ausgebildete Techniker mit Stipendien an die Hochschulen locken. Und: Ausländische Absolventen zum Bleiben gewinnen. Das ist fast so wichtig wie eine Einwanderungspolitik die hohe Anforderungen an die Einwanderer stellt. Oder Angebote an ältere Fachkräfte, das Erwerbsleben freiwillig zu verlängern.

Und das alles neben der ohnehin fälligen Bildungsoffensive – mit Fokus auf die Integration der bildungsfernen Schichten in Deutschland. Mit und ohne Migrationshintergrund.

Was passiert, wenn das alles misslingt, sagt die Studie in wohl gesetzten Worten auch: Dann ist die „Tragfähigkeit des deutschen Geschäftsmodells gefährdet“. Also: Firmen wandern in Länder aus, wo die Ingenieure sind. Oder sie verabschieden sich aus dem globalen Wettbewerb. Der Aufschwung, freudig begrüßt und vom Export verlässlich nach oben gezogen, wäre dann zu Ende.

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