Abschiedsbrief an BP: Danke für das Desaster

Es brennt lichterloh bei BP. Jetzt wurde das Gesicht der Ölkatastrophe, Tony Hayward, abberufen. Profitieren könnten US-Präsident Obama und seine Energiewende.

Es brennt lichterloh bei BP. Jetzt wurde das Gesicht der Ölkatastrophe, Tony Hayward, abberufen. Profitieren könnten US-Präsident Obama und seine Energiewende.

BP hat seinen Vorstandschef vom Krisenmanagement am Golf von Mexiko abgezogen. Tony Hayward hat nicht nur die Katastrophe nicht unter Kontrolle bekommen, sondern sich auch noch etliche peinliche öffentliche Auftritte geleistet. Jetzt soll ein Amerikaner den Fall richten. Ob US-Präsident Barack Obama, der BP und seinen Chef heftig angegriffen hat, ihm trotzdem einen Abschiedsbrief geschrieben hat? Vielleicht so:

Lieber Tony Hayward,

Sie werden nicht erwarten, dass ich Ihre Abberufung bedaure – in solchen Situationen müssen wir halt Opfer bringen. Lieber Sie als ich. Dennoch fühle ich den Drang, Ihnen diese Zeilen zu schreiben. Denn am Ende habe ich Ihnen eine Menge zu verdanken.

Zugegeben, zunächst habe ich die Katastrophe falsch eingeschätzt, die Ihre Gurkentruppe angerichtet hat, weil sie das beste Material einsetzte, um tief zu bohren, aber keine Ahnung hatte, wie ein Leck zu schließen ist. Doch jetzt bin ich sicher: Das Desaster könnte die größte Chance meiner ersten Amtszeit sein.

Ich bin angetreten, in Amerika die Energiewende zu meistern. Weg vom Öl, hin zu erneuerbaren Energien. Sogar bei Euch in Europa war ich ja lange ein Hoffnungsträger der Klimabewegung. Nun, der Alltag sieht auch für US-Präsidenten anders aus. Deshalb habe ich auch weitere Tiefseebohrungen erlaubt. Weil ich im Gegenzug Milliarden ausgeben darf für Windenergie und Biosprit. Geben und nehmen. Außerdem sehe ich ein, dass unsere Ölquellen die Abhängigkeit vom OPEC-Kartell verringern und die Abhängigkeikt von den Lieferanten in unberechenbaren Staaten wie Russland, Iran und Saudi-Arabien.

Natürlich müssen wir los kommen vom Öl. Aber nach wie vor ist es der wichtigste Energieträger der Welt, und das meiste davon wird vom Verkehr verbrannt – und gerade meine Landsleute betrachten billiges Benzin als Grundrecht. Bis in etlichen Jahren mal nennenswert viele Elektroautos unterwegs sind, müssen wir den Spritdurst stillen. Da sind wir uns ja einig, Sie und ich und die westlichen Ölkonzerne. Ich kann ja auch nichts dafür, dass die Ölstaaten unseren Firmen immer seltener erlauben, in ihren Wüsten zu bohren. Also müssen wir uns den Reserven im Meer zuwenden. Diese Nische ist nicht nur einträglich, sondern sie hilft auch, die Fördermenge trotz schwächelnder Ölfelder im Nahen Osten stabil zu halten. Und die Spritpreise niedrig. Alles andere wäre für mich politischer Selbstmord.

Und dann haben Sie alles versaut mit der „Deepwater Horizon“. Ich muss sogar meinen Landsleuten die Förderung aus der Tiefsee vorerst verbieten. Für ein halbes Jahr. Aber das wird BP bezahlen müssen. Garantiert. Und in der Zwischenzeit will ich das Leck geschlossen haben. Sonst können wir doch die Bohrer nach sechs Monaten nicht mehr anlaufen lassen. Und das wäre ein wirkliches Desaster. Wir brauchen den Sprit. So schnell kriege ich meine Landsleute nicht dazu, weniger Öl zu verbrauchen. Die Energiewende ist halt ein Langzeitprojekt, trotz der Schützenhilfe durch die Explosion Ihrer Bohrplattform.

Außerdem hat die Ölindustrie in meinem Land eine mächtige Lobby. Dass es Sie getroffen hat im Golf von Mexiko, einen Briten an der Spitze eines Britischen Konzerns, ist ein Geschenk Gottes. So heftig hätten wir Exxon Mobil nicht angegriffen. Natürlich herrscht auch auf den amerikanischen Plattformen Schlamperei, und Sicherheitsinvestitionen werden widerwillig mit Kleinstbeträgen aus der Portokasse finanziert. Aber unser Land will seinen Konzern-Chefs glauben, die sich so lautstark von BP distanzieren (auch in der Hoffnung, den Laden zu übernehmen, wenn er unter der Last des Schadensersatzes zusammenbricht).

Mir kommt das zu Gute. Zum einen lenken die Angriffe auf BP und Ihre ungeschickten Auftritte wunderbar davon ab, dass ich erst so spät den Ernst der Lage begriffen habe. Und dass nicht nur die Vorschriften lasch waren: Ja. Auch die staatliche Genehmigungsbehörde hat versagt, hat Genehmigungen im Schulterschluss mit den Ölfirmen flott erteilt, nur laxe Auflagen verhängt und sich zu Saufgelagen verführen lassen, statt hart zu kontrollieren. Das Empörungsgeschrei überdeckt sogar die Peinlichkeit, dass ein amerikanischer Konzern, Anadarko, zu einem Viertel an der „Deepwater Horizon“ beteiligt ist, sich aber aus jeder Verantwortung heraus redet.

So einfach hatten Sie es ja nicht. In Ihrer Haut wollte ich nicht stecken. So ein Murks am Bein – und dann nicht mal die Chance, im Gegenzug auf die Versäumnisse (und die Verantwortung) des Staates hinweisen zu können. Wir haben BP fest im Griff. Nicht nur wegen der Frage des Schadensersatzes. Uns ist schon bewusst, dass ein Drittel der BP-Ölreserven in den USA liegen. Wenn wir die Fördergenehmigungen entziehen oder keine neuen mehr erteilen, seid Ihr doch sofort am Ende.

Aber das wäre mein letzter Trumpf. Den hebe ich mir auf. In der Zwischenzeit liefern mir das Leck und Ihre hilflosen „Spezialisten“ jeden Tag genügend Argumente für meine neue Energiepolitik. Wenn mir dieser Schachzug gelingt, werde ich meinen Job behalten. Im Gegensatz zu Ihnen.

Deshalb danke ich Ihnen für das katastrophale Unglücksmanagement. Sie wissen ja: In jeder Krise steckt die Chance eines Neubeginns. Zumindest für mich.

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