Euros nach Athen tragen

Der griechische Premier Giorgos Papandreou sieht sein Land auf einer Odyssee - und schaltet die Sirenen ein. Aber Deutschland stellt sich vorerst taub.

Der griechische Premier Giorgos Papandreou sieht sein Land auf einer Odyssee - und schaltet die Sirenen ein. Aber Deutschland stellt sich vorerst taub.

Zu Kreuze, Griechen! Jetzt müsst Ihr Euch doch helfen lassen. Wir tragen Euros nach Athen. Die Urlaubsländler brauchen die fleißigen Deutschen. Sie haben nicht genug gespart und noch jede schlechte Nachricht durch eine noch schlechtere getoppt. Die von Donnerstag war das Allerletzte, zumindest für die Investoren. Nicht bei 12,7 Prozent, sondern bei 13,6 Prozent lag das Haushaltsdefizit des vergangenen Jahres. Ob das reicht? Angefangen hat Athen mit der Meldung eines Defizits von sechs Prozent. Aber das ist lange her. Monate. Reicht es jetzt? Nicht mal das EU-Statistikamt glaubt den Zahlen (und bestätigt damit das Motto: Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.) und vermutet in griechischen Angaben zur Lage der Sozialversicherung und einiger öffentlicher Einrichtungen noch einige, sagen wir mal: Ungereimtheiten. Das Defizit könnte auch über 14 Prozent steigen. So sieht er aus, der Augiasstall – aber es ist kein Herakles in Sicht.

Da wundert es nicht, dass die Bonität Griechenlands in den Keller rutschte – zu den restlichen Leichen. Dann investieren wir doch lieber in der Ukraine, sagen sich auch die abgebrühten Zocker. Naja. „Wir“ müssen aber jetzt in Griechenland investieren. „Wir“, die Steuerzahler.

Obwohl das momentan noch nicht so deutlich gesagt wird. Noch nicht. Denn die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen steht vor der Tür. Jaja! Zugegeben: Deutschland hat dem Rettungspaket zugestimmt. Das ist schon richtig. Nur passt die griechische Notlage überhaupt nicht in den Wahlkampfkalender. Deswegen spielt die Bundesregierung auf Zeit: Ein eigenes Gesetz für die Griechenlandhilfe. Was den redlichen Finanzminister maßlos geärgert haben muss, der schon mal einen Milliardenbeschluss auf Vorrat haben wollte, um im Bedarfsfall schnell helfen zu können.

Schon ist der da, der Bedarf. Der Fall. Nicht mal unerwartet. Aber Berlin kann nicht leisten, was es versprochen hat. Stattdessen die gewohnten Formeln: Wir wollen ja helfen, aber wir stellen „strenge Bedingungen“, repetiert die Kanzlerin. Sie will mal wieder ein Sparprogramm – mit solchen Programmen sollten wir lieber die Schlaglöcher stopfen. Schließlich wurde auf deutschen Wunsch der IWF ins Boot geholt für die Grobarbeit mit dem Rotstift.

Die EU macht so weiter, wie sie sich bis zum Beschluss, den Griechen zu helfen, blamiert hat. Durch konstantes Rein und Raus. Zusagen und zögern. Jetzt gibt es den Beschluss und den Hilferuf – und die mannhaften Helfer zaudern, weil in Deutschland Landtagswahlen sind. Und weil der gelbe Teil der Regierungskoalition sich sträubt: Am Wochenende soll sich der FDP-Bundesparteitag gegen staatliche Hilfen aussprechen. Als hätte die amtierende Regierung in Brüssel keine Zusagen gegeben.

Die Unsicherheit wird größer, nicht kleiner. Spekulanten lieben das. Die Lage der Griechen verschlechtert sich, und die Retter – Deutschland eingeschlossen – zahlen die höhere Rechnung. Später.

Was wir statt dieser taktischen Spielchen brauchen: Die EU muss zu ihrem Wort stehen. Und helfen. Das versteht der Markt. Ansonsten züchten wir uns die nächsten Sorgenkinder heran. Denn was die Griechen können, schaffen die Iren locker: Irland meldete ein Haushaltsdefizit von 14,3 Prozent. Das wird nicht mal Athen toppen, nachdem alle Leichen aus dem Keller ans Licht gezerrt worden sind. Und die Briten mit 11,5 % und die Spanier mit 11,2 % könnten die nächsten Kandidaten sein, wenn das Signal in alle Welt ist, dass man nicht einmal mehr dem Beschluss eines Euro-Gipfels noch trauen kann.

Dieser Beitrag wurde unter Ökonologie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Kommentare zu Euros nach Athen tragen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.