US-Wahl: Obama wird sich nicht um Europa kümmern

Die Deutschen hätten Obama gewählt. Mit gewaltiger Mehrheit. Wahrscheinlich, weil sie in ihm den charismatischen Anführer auf dem Weg in bessere Zeiten sehen, eine Leitfigur, die sie gerade jetzt so schmerzlich vermissen, wo es in Berlin um so glanzlose, kleinliche Themen geht wie Praxisgebühr, Leistungsrente oder Betreuungsgeld. Oder immer neue Salami-Scheiben für Griechenland. Wo wir doch hören wollen, wie die großen Fragen beantwortet werden: sichere, bezahlbare Energieversorgung; gerechte Verteilung der Lasten; ein neuer Generationenvertrag für eine Zeit, in der die Alten in der Mehrheit sind. Obama trauen wir das irgendwie zu. Aus der Fernsehferne. Die Amerikaner wissen es offenkundig besser – sie haben keine Lichtfigur gewählt wie vor vier Jahren, sondern ein kleineres Übel.

Gut, dass Mitt Romney verloren hat. Er hat noch im Wahlkampf mehrfach den Kurs gewechselt, wollte mehr Geld fürs Militär ausgeben und Steuern abbauen, um die Staatsschulden zu senken (hä?) und stellt die Mehrheit seiner Landsleute als tumbe Parasiten dar. Und hintendran stehen die Republikaner, die große alte Partei, die sich gebährdet als Horde Ewiggestriger, getrieben von Glaubenskriegern mit einem Horizont, den man eher im Jemen vermuten würde als in Boston. Nein. Romney wäre auch in den korrigierenden Fesseln des Amtes schädlich gewesen für Amerika und die Welt.

Obama darf es also noch einmal probieren, darf die vielen unerledigten Versprechen seines ersten Wahlkampfs im zweiten Anlauf erfüllen: Die Klimapolitik voran treiben (und sei es in erster Linie, um die USA unabhängiger vom arabischen Öl zu machen); den Einwanderern neue Rechte geben; den Mittelstand entlasten und gleichzeitig die Schwerreichen zur Kasse bitten; die maroden öffentlichen Einrichtungen modernisieren; das Lager Guantánamo schließen. Aber vor allen Dingen: Staatsschulden abbauen, die Handelsbilanz verbessern und ein Klima schaffen, in dem Jobs entstehen. Viele Jobs.

Da wird wenig Zeit bleiben, den Blick nach Europa zu richten. Die Aufmerksamkeit des neuen alten Präsidenten wie in den kommenden vier Jahren auf die Heimat gerichtet sein. Allenfalls noch auf den pazifischen Raum, wo China dabei ist, wirtschaftliche Größe in militärischen Einfluss umzumünzen.

Das sollte uns aber nicht traurig machen. Zum einen ist es eh höchste Zeit, Europa nicht als Last, sondern als Chance zu begreifen, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen und diese wunderbare Heimat zu gestalten, statt lediglich Geld zu drucken. Zum anderen: Wenn der neue US-Präsident seine Hausaufgaben macht, hilft er ohnehin auch Europa. Ganz nebenbei. Als Lok. Euro-Land löst bisher keine Probleme, sondern hängt träge am Tropf der EZB-Geldinfusion und kauft sich Zeit, bis der Rest der Welt (allen voran die USA) hoffentlich wieder Wachstumslokomotive spielt und uns aus dem Schuldenschlamassel zieht.

Obama kann es schaffen und glanzvoller aus dem Amt scheiden als er in seine zweite Wahlzeit gestartet ist. Ausscheiden – das ist vielleicht der Schlüssel: Obama kann nicht mehr wiedergewählt werden. Er muss seine Politik also nicht schon in zwei Jahren am nächsten Wahlkampf ausrichten, sondern kann ganz bei der Sache bleiben, um seine Ziele zu erreichen, kann die politischen Gegner einbinden und muss keine Wahlgeschenke verteilen – eine Perspektive, die man sich angesichts der koalitionären Kuhhändel in Berlin auch für Deutschland wünscht.

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