Verschwendung und Lärm – Schatten des Wohlstands

Obst und Gemüse werfen die Deutschen besonders häufig weg - spätestens dann, wenn es nicht mehr so zum Anbeißen frisch aussieht wie auf dem Markt.

Wohlstand ist nicht immer nur angenehm. Manchmal schlägt er aufs Gewissen. Denn Wohlstand hat auch seine unangenehmen Seiten; hin und wieder werden sie so deutlich sichtbar, dass es Tage dauert, sie wieder zu verdrängen. Heute war wieder so ein Tag der finsteren Wahrheiten: Die Deutschen schmeißen einen halben Zentner Lebensmittel weg, die noch essbar sind – pro Kopf und Jahr. Und in Leipzig müssen Richter entscheiden, ob Reisefreiheit und
Arbeitsplätze höher zu bewerten sind als der Lärmschutz von Anwohnern der
Flughäfen. In beiden Fällen spricht unser Gewissen ein klares Urteil. Es lautet: Verzicht! Aber wer hört schon auf sein Gewissen?

Was die Verbraucherministerin gemeinsam mit den Stuttgarter Forschern uns so entrüstet angekreidet hat, ist wirklich schlimm. Wir werfen ja ohnehin schon genug weg – Kleidung, die noch taugt, Autos, die noch fahren, Fernseher, die noch flimmern … Aber beim Essen ist Schluss. Denkste. Die größten Vernichter von noch verwertbarer Nahrung sind die privaten Haushalte – in erster Linie landen Obst und Gemüse kiloweise in der Tonne, weil sie nicht mehr so gut aussehen wie in der Werbung. Oder altes Brot und Brötchen, die mit
dem minutenfrischen Genuss der Backshops schon nach zwei Stunden nicht mehr
mithalten können. Ab in den Müll.

Die Wirklichkeit ist sogar noch schlimmer. Die Deutschen werfen jährlich 82 Kilo Lebensmittel weg (davon 53 Kilo noch essbar) – für die sie vorher um die 235 Euro pro Kopf ausgegeben haben – bundesweit summiert sich das auf 21 Milliarden Euro. Europaweit sieht es noch übler aus – 280 Kilo Lebensmittel pro Kopf und Jahr landen auf dem Müll, sagt die Welternährungsorganisation FAO. Die Entrüstung ist naturgemäß groß, die Nachricht aber nicht neu. Schon im Herbst 2011 publizierte eben jene Welternährungsorganisation bereits ihre Erkenntnisse (die wegen eines anderen Ansatzes schlimmere, aber durchaus verlässliche Zahlen produziert) – dass wir auf die News aus Stuttgart so empört reagieren, das zeigt nur, wie vergesslich wird sind. Die Empörung aus dem September hat sich rasch wieder gelegt. Was die FAO feststellt: Die Vernichtung beginnt schon in der Landwirtschaft: Was nicht in die Handelsklasse passt, bleibt auf dem Acker liegen – oder landet bestenfalls im Trog.

Auch auf dem Weg in die Supermärkte wird eifrig aussortiert – denn diese Wege sind manchmal lang. Aber weil alles auch nach einer Reise um die halbe Welt frisch und unversehrt sein muss, gibt es auf dem Weg ins Regal eine gnadenlose Casting-Show.

Wer hat Schuld? Die Kunden natürlich. Denn sie lassen Obst mit Druckstellen liegen und legen Wert auf Salat, der aussehen muss, wie im Frühlingsregen frisch geerntet. Und natürlich muss Vielfalt geboten werden: Unabhängig von der Jahreszeit bieten mittelgroße Supermärkte um die 20.000 verschiedene Produkte an.

Die Welternährungsorganisation formuliert den Raubbau deutlicher als die deutsche Verbraucherministerin: In den Wohlstandsgesellschaften landen knapp die Hälfte der Lebensmittel auf der Müllkippe. Die Uni Wien hat ausgerechnet: Von dem Essen, das in ihrer Stadt weggeworfen wird, könnten 250.000 Menschen satt werden.

Das ist und bleibt schockierend. Auch noch nach Tagen. Aber was ändert es? „Die Politik“ wird sich nicht einschalten, außer mit Appellen. Denn die Lösung des Problems liegt im Verzicht. Auch die Lösung des Lärmproblems in Frankfurt . Neue Startbahnen werden ja nicht gebaut, weil sie schick aussehen, sondern weil immer mehr Menschen fliegen wollen. Und die Nacht wird nicht zum Tag gemacht, weil dann der Airport so toll aussieht, sondern weil die Flugzeuge global unterwegs sind und zu Zeiten abfliegen und landen, die die Kunden akzeptieren.

Das ist ganz schlimm für die Anwohner – aber kein Grund, die Fliegerei an sich zu verteufeln. Die Alternative ist (neben Ausgleichsmaßnahmen und Planungsverfahren mit Beteiligungsmöglichkeiten, die an die Grenze des Machbaren stoßen): weniger fliegen. Verzicht. Eine scheußliche Erkenntnis. Alle Wohlstandsprobleme scheinen
mit diesem einen Instrument lösbar zu sein: Weniger! weniger fahren, weniger
fliegen, weniger Auswahl im Lebensmittelmarkt, … Das wird kein Politiker
anordnen, das wird kein noch so grün gewendetes Unternehmen freiwillig anbieten
(weil es ja auch Gewinn-Verzicht bedeutet). Deshalb sehe ich schwarz. Das Gewissen
rührt sich. Und beruhigt sich auch wieder. Bis zur nächsten Studie.

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