Grimme Online Award: Blick zurück nach vorn

Seit 15 Jahren gibt es den Grimme Online Award – die Galerie der mit diesem Preis Ausgezeichneten dokumentiert die stürmische Entwicklung des Publizierens im Internet. Wir schauen sie uns mit dem Menschen an, der den Award auf den Weg gebracht und intensiv begleitet hat: Friedrich Hagedorn. Zu seinem Abschied in den Ruhestand richtet er in einem langen Gespräch den Blick zurück. Nach vorn.

Übrigens: Der Text darf frei verwendet, gesendet, publiziert werden. Die Fotos kann ich ebenfalls zur Verfügung stellen.

Friedrich Hagedorn mit seiner Nachfolgerin Vera Lisakowski

Manchmal verläuft die Geschichte in Kreisen; auch die Geschichte des Internet. Friedrich Hagedorn hat einen solchen Kreis erlebt: Als er Ende der 1990er Jahre den Grimme Online Award aus der Taufe hob, Deutschlands renommierteste Internet-Auszeichnung, stand der Preis noch im Schatten des viel älteren, mächtigen Grimme-Fernsehpreises. Internet hieß für das Grimme-Institut damals noch Internet als Ergänzung und Programmheft des Fernsehens. Heute, wo sich Friedrich Hagedorn nach 15 Jahren Online Award in den (Un-) Ruhestand verabschiedet hat, haben sich die Preise wieder so sehr angenähert, dass sie sich in die Quere kommen könnten: Gibt es (noch) eine Grenze zwischen Internet und Fernsehen? Es ist noch nicht ausgemacht, wie die Sache dieses Mal ausgeht. Das wird eine neue, spannende Grimme-Geschichte. Aber auch die zurückliegende hat einiges zu bieten.

Friedrich Hagedorn ist ein Freund des Konstanten – auch und gerade im rasant Neues produzierenden Netz. Sein Lieblingsformat sind die Blogs, weil sie Information mit Kommunikation kombinieren, reflektieren, flexibel, offen für neue Entwicklungen und gleichzeitig überschaubar sind. Das hat auch die diversen Nominierungskommissionen und Jurys über die Jahre hinweg fasziniert. Blogs sind Stammgäste bei der Preisverleihung und stehen exemplarisch für den hohen Anspruch des Preises an die Inhalte.

Aber nicht nur an die Texte. Das war von Anfang an so. Man mag es kaum glauben, aber schon in Zeiten der trillernden Modems gehörte Bewegtbild zum Angebot von Preisträgern des Grimme Online Award. Aber wer erinnert sich heute noch an Bitfilm, eine Kurzfilmplattform und „Community“, die 2001, vier Jahre vor YouTube, unter den ersten Preisträgern war?

Damals wirkte noch die anfängliche Nähe zum Fernsehen. Preis-Kategorien:  TV und Web-TV. Im Jahr darauf kam noch eine Kategorie Medienjournalismus hinzu – um die damals schon leidende Selbstbeobachtung der Branche zu stärken, die online neue Chancen ergriffen hatte, wie Telepolis und Perlentaucher (Preisträger) oder kress (nominiert). Noch im Glauben, die inhaltlichen und formgebenden Spezifika neuer Entwicklungen im Internet auch in den Kategorien des Preises abbilden zu können, kam 2003 noch „Webmedia“ hinzu mit Beiträgen, die künstlerisch die neuen Möglichkeiten ausloteten mit interaktiven Elementen oder dem ersten bildschirmfüllenden Film-Schnippsel.

Diese Einteilung spiegelte den anfänglichen Umgang mit dem Internet wider – wo allerorten analoge Medien ins Web hinein verlängert und dort lediglich angereichert, aber nicht neu gedacht wurden. Aber mit Macht entwickelten sich unabhängige, eigenständige Formate, und zwar in einer solchen Dynamik und Vielfalt, dass sie nicht mehr über die bisherige Kategorisierung abzubilden waren. In etlichen Gesprächen und Workshops entwickelte Friedrich Hagedorn im Jahr 2004 daher neue, an den Nutzungsinteressen orientierte Kategorien – sie haben immer noch Bestand: Information, Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung. Die Kategorie „Spezial“ ist übrigens zum ersten Mal von der Jury genutzt worden, um SPIEGEL ONLINE mit Mathias Müller von Blumencron zum zehnten Geburtstag des Angebots besonders zu ehren als prägend für deutsche Online-Publikationen. Das war 2005. Neben dem SPIEGEL stand damals unter anderem auch das Poesie-Portal Lyrikline.org auf der Bühne – und die Wikipedia.

Zum Abschied mal selbst im Mittelpunkt: Friedrich Hagedorn mit Jury-Mitglied Daniel Fiene (RP-Online).

Hin und wieder hat die Auszeichnung einen Trend verstetigt oder ein Portal dank eines Extra-Schubes Öffentlichkeit im Markt etabliert. Genutzt hat der Preis sicher dem BILDBlog oder dem regionalen Fußballportal FuPa aus Passau, aber auch den Bloggern um Sascha Lobo, die 2006 mit ihrer „Riesenmaschine“ gewannen. Überhaupt war 2006 ein Jahr der Entdeckungen, an die sich Friedrich Hagedorn erinnert: So wurden mit „Riesenmaschine“ und „Spreeblick“ nicht nur wegweisende Blogger geehrt, sondern auch die für den deutschsprachigen Raum innovative Web-Show „Ehrensenf“. Deren Moderatorin Katrin Bauerfeind schaffte nach ihrer Auszeichnung den Sprung ins analoge Fernsehen.

Fernsehen – die Bilder haben online früh das Laufen gelernt, obwohl konkurrenzfähige, selbstständige  Formate erst durch den Siegeszug von YouTube nach 2006 entstanden sind und ausgezeichnet wurden. Nach und nach haben die Digital-Publikationen die schier unbegrenzten Möglichkeiten eingesetzt, die ihnen das Netz und seine Entwickler zur Verfügung stellten. Friedrich Hagedorn nennt beispielsweise Google Maps, das etwa eine Reisebegleitung im Live-Modus ermöglicht, wovon das ebenfalls ausgezeichnete „worldtrip.tv“ bereits 2006 mit einigem kreativen Aufwand erste Vorahnungen liefert.

Manche Entscheidung der Nominierungskommission und der Jury  waren ihrer Zeit definitiv weit voraus. Manche vielleicht sogar zu weit. So wurde 2007 last.fm nominiert, eine frühe Version des Musikstreamings nach persönlichen Vorlieben – hier ging es um einen intelligenten Algorithmus, nicht um publizistische Qualitätsleistungen. Die Frage, die sich damals in der Jury stellte, ob sich ein solches Werkzeug mit dem publizistischen Anspruch des Preises verträgt, ist aktuell geblieben und wird aktuell bleiben angesichts der immer näher an Live-Übertragungen heranrückenden Formate.  Aber auch die Jury bewertete schon mal einen Trend falsch – dass sich die Idee von „Hobnox“ durchsetzen würde, das galt unter den Juroren 2008 als sicher. Aber viel zu wenige Menschen wollten sich per Internet zum gemeinsamen Musizieren zusammenschalten.

Zusammenschalten – das ist heute an der Tagesordnung. Immer mehr Online-Publikationen bauen auf vernetzte Strukturen, in denen kaum noch ein Inhalte-Kern zu entdecken ist. Social Media, Spieleelemente, Push-Nachrichten, Apps und eine Website, die kaum mehr ist als ein Cockpit. Bisher haben die Juroren meist das Gesamtwerk bewertet – oder ein herausragendes Bestandteil.

Ob das Netz eine Medienbewegung auslöst wie mit dem #Aufschrei oder Qualitätsjournalismus finanziert wird durch neue Funding-Methoden wie beim Recherchebüro „Correct!v“ – der Grimme Online Award unterliegt auch immer ein Stück den aktuellen Trends – wie haltbar die auch sein mögen.

Kein Wunder, dass Friedrich Hagedorn gerne auf das blickt, was bleibt. Ganz, ganz weit oben stehen für ihn journalistische Qualität und Unabhängigkeit – auch wenn Konzentration auf solche Spitzenangebote bedeutet, nie zig-Tausend Vorschläge zu generieren. Und wenn hochwertige Nominierungen auftauchen, dann ist der „Vater“ des Grimme Online Award richtig zufrieden – bei tollen Blogs beispielsweise, bei Geschichten und Themen von hoher Relevanz, die im Internet anders erzählt werden können, oder auch bei solchen Angeboten, die mit hohem Engagement und großer Beteiligung „von unten“, also bottom up entstehen und eine eigene Öffentlichkeit schaffen. Die diesjährigen Preisträger „Hyperbole TV“ und „neuköllner.net“ gehören sicherlich dazu. Wobei die Neuköllner auch einen Kreis schließen: Im zweiten Award-Jahr wurde „Bortschs Welt“ ausgezeichnet, ebenfalls ein Neuköllner Angebot, das schon vieles von dem enthielt, was in den folgenden Jahren immer perfekter ausgebaut – und mit Preisen belobigt – wurde: Partizipation, Visualisierung, Bewegtbild, eigenständiger lokaler Bezug, unabhängige Initiative etc.

Dass der Preis auch in Zukunft konzeptionell so offen ist, um dauerhaft auf die stürmische Entwicklung reagieren zu können, aber dass er trotzdem seinen Prinzipien treu bleibt: redaktionell unabhängig, publizistisch sauber, die inhaltliche Qualität im Auge behaltend – das ist der größte Wunsch von Friedrich Hagedorn. Er wird vom neuen Domizil an der Nordsee verfolgen, wie die nächste Generation der Preisverantwortlichen auf all die Bewegung im Netz reagiert – etwa wie sie mit immer mehr Ausgabekanälen umgeht, von App über Social Media, Web, YouTube, Mobile, Augmented und Virtual Reality. Und natürlich wird sich die Frage stellen, ob sich in einer Zeit allgegenwärtiger Videos und völlig neuer Fernsehformate auch Verschiebungen ergeben zwischen den Preisen. Wo endet der Online Award und wo fängt der Fernsehpreis an? Aber diese Frage ist nicht neu im Grimme Institut – manchmal verläuft die Geschichte in Kreisen.

 

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